Freiheit und das Recht zu scheitern


Joachim Masannek (Foto Randomhouse / Isabelle Grubert)

 Ein wichtiger Held in den neuen Büchern ist ein Heldin, die Piratin „Honky Tonk Hannah“– warum?

Bei den „Honky Tonk Pirates“ ist es so, dass der Junge Will auf sein großes Idol trifft und feststellen muss: Es ist ein Mädchen! Damit muss er sich auseinandersetzen. Sie ist wunderschön, kämpferisch und zwei Jahre älter als er. Es ist doch meistens so, dass die Mädchen älter wirken und die Jungs jünger. Die Jungen scheinen erstmal unterlegen zu sein, davon wollte ich erzählen.

Was macht „Honky Tonk Hannah“ denn so stark?

Beide Figuren, Will und Hannah, nehmen kraftvoll Herausforderungen an, sind sehr mutig und risikobereit. Sie sind nicht umsonst Piraten, sie stehen für die Freiheit, für die Sehnsucht zu tun, was man will und nicht, was man muss. Dass Freiheit etwas ganz anderes ist, lernen sie dann im Laufe der Handlung. Wir leben heute in einer Spaß- und Absicherungsgesellschaft, keiner ist mehr bereit, ein Risiko einzugehen. Die Piratenwelt hat mir die Möglichkeit gegeben, Helden zu beschreiben, die Grenzen überschreiten und sich was trauen.

Es gibt die Legende vom Piratenstaat Libertaria auf Madagaskar. Angeblich haben dort Freidenker und Flüchtlinge aus Europa zusammengelebt. Alle Rassen konnten gleichberechtigt miteinander leben. Beim Essen saß immer ein Schwarzer neben einem Weißen, der neben einem gelben und so weiter. Es gab eine Altersversorgung, Kapitäne wurden gewählt und konnten auch wieder abgewählt werden. Diese Legende wird in der Geschichte später eine Rolle spielen. Es geht immer um Freiheit und Verantwortung, das ist für mich ein ganz wichtiges Thema.

Was verstehen Kinder denn unter Freiheit?

Wenn ich Kinder bei einer Lesung danach frage, dann antworten sie: Freiheit heißt, nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. In der Welt, in der unsere Kinder aufwachsen, haben die meisten Menschen nur eine Vorstellung davon, was sie nicht tun möchten und nicht davon, was sie wirklich wollen. Erwachsen werden heißt für mich aber: Ich muss wissen, was ich will, und ich muss mit den Konsequenzen leben und Verantwortung übernehmen, für das, was ich liebe. Und das ist Freiheit.

Beim Fußball kann man gut lernen, mit den Konsequenzen seiner Taten umzugehen. Wenn ich einen Patzer mache, kann ich zwar sagen, das habe ich nicht gewollt, aber einen Freistoß gibt es trotzdem.

Warum haben Sie angefangen, für Kinder Bücher zu schreiben und Filme zu machen?

Als meine Kinder klein waren, habe ich versucht, ihnen die Bücher vorzulesen, die ich aus meiner Kindheit kannte. Aber die haben sie nicht interessiert, sie haben die Welt nicht mehr verstanden, in der die Helden wie Tom Sawyer und Winnetou lebten. Außerdem gab es in den neunziger Jahren sehr viele Bücher für Mädchen, in Mädchen alles durften, was früher nur Jungs durften und sehr stark waren, das war eine Zeit lang wahnsinnig modern. Aber die Jungen kamen zu kurz. Zuhause, in der Kita, in der Schule wurden sie nur von Frauen groß gezogen, die mit der Sehnsucht der Jungen, stärker, größer und schneller zu sein, Probleme hatten. Die „Wilden Kerle“ durften aber genau so sein und die Mädchen fanden diese starken Jungs cool.

 

Wenn sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie den Kindern heute wünschen?

Ich sage immer, ich möchte ein Dorf gründen. Kinder sollten in einer größeren sozialen Gemeinschaft aufwachsen und nicht nur alleine von ihren Eltern erzogen werden. Nach der Schule könnten sie gleich in den Garten oder auf die Straße gehen und erst nach Hause kommen, wenn es dunkel wird. Ohne Computer und Playstation würden sie lernen, mit Langeweile umzugehen und mit sich selbst klar zukommen. Das ist es, wonach Kinder sich sehnen und ich habe versucht, meinen beiden Söhnen so viel wie möglich davon zu geben. Ich wollte ihnen vermitteln: Ihr wachst nicht in einer Welt auf, in der ihr mit Dreißig erfolgreich sein und mit Vierzig ausgesorgt haben müsst. Ihr habt Zeit, ihr dürft Sachen ausprobieren und ihr habt das Recht zu scheitern.

Joachim Masannek, Honky Tonk Pirates, cbj, München 2010, 9,95 €, ab 10 Jahren

Interview Regine Bruckmann

 

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