Keine Freundschaft ohne Freiheit


Klaus Kordon

Klaus Kordon (*1943) wollte immer schon schreiben. In der Schule war er der Aufsatzschreiber, aber die kritischen Gedichte und Kurzgeschichten, die er als junger Mann verfasste, in der DDR zu veröffentlichen, kam nicht Frage. So studierte er Volkswirtschaft, wurde Exportkaufmann, seine Reisen führten ihn nach Asien und Afrika. 1973 siedelte er nach einjähriger politischer Haft in die BRD über.

Herr Kordon, warum und wie sind Sie doch noch Schriftsteller geworden?

Ich hatte ein Erlebnis auf einer Reise: In Djakarta, Indonesien, lief mir ein 13jähriger Bettler über den Weg. Er hatte lange Haare, war schmutzig und verlumpt, aber auf seinem Kopf saß ein Affe. Der Affe war dressiert und immer, wenn der Junge seine Hand ausstreckte, streckte das Tier sein Pfötchen aus. Der Junge hatte so einen tollen Spruch: „No Mama, no Papa, no Television“. Er wusste, wie wichtig für die Europäer und Amerikaner, die er anbettelte, Fernsehen war! Er erzählte mir von seiner Familie und wie er lebte, von seiner kleinen Schwester, die verhungert war und von seinem großen Bruder, der aus Armut zum Verbrecher wurde.

Darüber haben Sie Ihr erstes Buch geschrieben?

Ja, ich wollte den Lesern in Europa zeigen, wie junge Menschen in dieser Welt ums Überleben kämpfen müssen. Ich habe den Alltag in Indonesien sehr realistisch geschildert, das war für Kinder und Jugendliche damals noch nicht so üblich. „Der Weg nach Bandung“  kam im Herbst 1977 heraus, das war der Durchbruch. Da wusste ich, was ich wirklich will.

Wollten Sie immer schon für Kinder schreiben?

Das hat sich so ergeben – der junge Bettler war 13 Jahre alt, also wurde es ein Buch für Jugendliche. Heute weiß ich, wie viel Spaß es mir macht, gerade mit jungen Leuten über die Welt zu reden. Erwachsene lesen ungern etwas, was nicht ihre Meinung bestätigt. Sie wollen gar nicht darüber nachdenken. Kinder sind offener und mitfühlender und deshalb ist so wichtig, mit Kindern über die schönen und weniger schönen Dinge in der Welt zu sprechen.

Ihre eigene Kindheit war nicht sehr schön.

Mein Vater ist im Krieg gefallen, meine Mutter gestorben, als ich 13 war. Ich kam erst ins Kinder- und dann ins Jugendheim. Das ist nicht gerade das, wovon man träumt. Aber viele gute Schriftsteller, die für Kinder schreiben, wie Paul Maar oder Mirjam Pressler, hatten eine schwierige Kindheit. Vielleicht nimmt man Kinder deshalb ernster als andere.

Ihr neues Buch KIKO ist für Kinder ab acht Jahren. Darin geht es um einen kleinen Affen im Urwald, der als einziger in seiner Horde ganz weiß ist und deshalb von allen gehänselt wird, sogar sein Vater lehnt ihn ab. Ist das nicht ein bisschen hart?

Das ist doch bei den Menschen nicht anders. Wie gehen die denn damit um, wenn jemand eine andere Hautfarbe hat oder eine andere Religion? Außerdem sind es natürlich Tiere, Affen sind ein bisschen dümmer. Manchmal muss man auch etwas überzeichnen, damit die Geschichte aufgeht.

Was liegt Ihnen bei der Geschichte am Herzen?

Das Hauptthema ist die Freundschaft. Der Professor Stängel, der Naturforscher ist und den besonderen weißen Affen für seine Forschungszwecke einfängt, will am Ende, das Kiko sein Freund wird. Gleichzeitig sperrt er ihn ein. Das funktioniert nicht. Das gilt im Privaten, wie im politischen, für Staaten oder Menschen: „Keine Freundschaft ohne Freiheit.“

Welche persönlichen Erfahrungen stecken hinter dieser Botschaft?

Im Kinderheim sollten wir mit militärischen Mitteln zu glühenden Sozialisten erzogen werden, mit Strammstehen und Exerzieren. Das hat aber nicht geklappt. Man kann mit Zwang viel ereichen, aber geliebt wird man nicht. Bei der ersten besten Gelegenheit büchst man aus.

Was wünschen Sie Ihrem Helden KIKO?

Viele Leser natürlich. Und dass viele Kinder daran Spaß haben und vielleicht über das Verhältnis von Menschen zu Menschen und das Verhältnis von Menschen zu Tieren nachdenken. An einer Stelle sagt Professor Stängel: „Ihr Tiere müsst machen, was wir Menschen wollen.“ Aber wie geht es einem Tier, das eingesperrt ist? Kinder haben ja einen starken Gerechtigkeitssinn und machen sich darüber Gedanken.

Klaus Kordon, Kiko, Illustrationen Ina Hattenhauer, Beltz&Gelberg, Weinheim 2012, 12,95 €, ab 6 Jahren

Interview: Regine Bruckmann

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