Kirsten Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte – Ein Friedhofskrimi


Es sind Sommerferien. Der 10jährige Valentin ist gerade mit seiner Mutter in die Hochhaussiedlung gezogen und landet eines Tages auf dem Friedhof.
Dort hat das Rentner-Ehepaar Schilinsky seine zukünftige Grabstelle in einen Schrebergarten verwandelt, täglich sitzen sie dort gemütlich im Schatten auf Klappstühlen und machen Picknick. Aber die Idylle hält nicht lange…

Borislaw, der polnische Gärtner, wird niedergeschlagen, es gibt einen Juwelenraub in der Stadt und Valentin gründet mit seinem neuen Freund Mesut ein Detektivbüro, um die Fälle aufzuklären. Wie gut, dass Valentin plötzlich in den Kopf anderer Menschen hinein schauen und ihre Gedanken lesen kann!

 „Und da ist es mir zum ersten Mal passiert. Ich hab nämlich ‚Dicke Frau‘ die ganze Zeit so angestarrt, weil ich überlegt habe, wer sie wohl ist und warum sie sich so komisch benimmt. Und wie ich sie so angestarrt habe, ist es mir ganz wirr im Kopf geworden, und es war, als ob ich irgendwo eintauche und meine Gedanken plötzlich alle durcheinanderpurzeln, besser erklären kann ich es nicht.“

 Kirsten Boie lässt sich viel Zeit, um die liebenswerten Anti-Helden und das schräge Friedhofsmilieu zu etablieren. Ihre Geschichte ist ein Mix aus vieln Genres: Migranten- und Familienschicksal (der Held ist ein Junge aus Kasachstan, der mit Mutter in Deutschland ist), ein bisschen Fantasy, Krimi, aber auch Sozialromanze: die Kinder, eine Obdachlose, Rentner, ein polnischer Friedhofswärter – alle finden sich wie in einer großen Familie zusammen. Das erscheint zuweilen einbisschen „muddelig“ –­ also so durcheinander, wie es im Kopf der obdachlosen „Dicken Frau“ zugeht.

Ich-Erzähler ist der 10jährige Valentin, die Sprache, die die Autorin ihm in den Mund legt, wirkt etwas nachlässig. Boie verwendet ihren typischen Plauderton, der sich am mündlichen Erzählen orientiert – eine offene Erzählhaltung, die den Leser andererseits auch sehr anspricht und mitnimmt.

Valentin unterzieht sich einer ständigen Selbstbefragung: Wenn er Mitglied einer Kinderbande in einem Buch wäre, wäre er dann ‚das Superhirn‘ oder ‚der Dicke mit den Ökoriegeln‘? Da er ein Held mit großem Entwicklungspotential ist, variieren die Antworten und er stellt immer wieder fest, dass die Wirklichkeit ist komplizierter ist als in Büchern. Zumindest komplizierter als in Kinderkrimis mit ‚Superhirnen‘ und ‚Dicken mit Ökoriegeln‘.

Ein kluges und herzerwärmendes Buch, für das man etwas Geduld braucht.

Kirsten Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte – Ein Friedhofskrimi, Friedrich Oetinger Verlag, Hamburg 2012, 14, 95 €, ab 10 Jahren

Regine Bruckmann

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s