Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor


Als die einen gegen die andern zu kämpfen beginnen, tarnt Todas Vater sich als Busch und verlässt die Stadt. Toda bleibt bei ihrer Oma, bis es dort zu gefährlich für sie wird. Sie muss fliehen, über die Grenze, nach woanders. Dort lebt ihre Mutter, von der Toda nur den Namen kennt.

„Jetzt würde es keine normalen Tage mehr geben, an denen man normale Sachen machte. Und keine normalen Nächte, an denen man normal schlief und danach normal aufwachte. Zwei Stunden lang saß ich auf dem Sofa und nahm mir fest vor, etwas Normales zu machen. Dann hörte ich die Türklingel. Vor Schreck fühlte ich gleich überall Nadelstiche. Vielleicht stand ja der Feind vor der Tür.“

‚Der Feind’ ist plötzlich überall. Deshalb muss Todas Vater seinen Beruf wechseln. Aus dem freundlichen Feinbäcker, der jeden Tag 20 leckere Torten backt,  wird nun ein Soldat, der gegen ‚die andern’ kämpfen muss.  Wie das geht, steht in einem dunkelgrünen Buch. Dort werden auch verschiedene Tarnungen für Soldaten erklärt. Todas Vater will sich mit Ästen und Zweigen auf dem Kopf als Busch tarnen. So werden die andern ihn vielleicht nicht erkennen und nicht auf ihn schießen. Doch Toda macht sich große Sorgen um ihren Vater. Was ist, wenn auch die andern ein solches Buch haben und sich als Büsche tarnen? Wie wissen sie dann, wer zu den einen gehört und wer zu den andern?

Bis ihr Vater aus dem Krieg zurückkommt, soll Toda bei ihrer Oma bleiben. Doch das ist keine gute Idee. Denn bald wird auch in ihrer Stadt geschossen, nicht nur auf Häuser, auch auf Menschen. Deshalb  beschließt die Oma Toda wegzuschicken, über die Grenze, nach ‚woanders’. Dort lebt Todas Mutter und dort wäre Toda in Sicherheit. Doch die Fahrt nach woanders ist gefährlich und dauert viele Tage. Toda darf sich einer anderen Reisegruppe anschließen. Aber das ist schon alles. Niemand kümmert sich um sie, man nimmt ihr ihr ganzes Geld ab und sie muss sich immer wieder allein um etwas zu Essen und einen Schlafplatz kümmern. Durch einen dummen Zufall verliert sie ihre Reisegruppe kurz vor der Grenze und irrt nachts allein in einem dichten dunklen Wald umher. Als sie nach vielen Stunden endlich ein paar Häuser sieht, glaubt sie sich in Sicherheit. Doch der Schein trügt. Die Menschen können ihre Sprache nicht verstehen und die Polizei bringt sie in ein Heim für heimatlose Kinder. Zu allem Überfluss hat Toda auch noch die Adresse ihrer Mutter verloren. Aber sie gibt nicht auf. Sie muss und wird ihre Mutter finden!

Eine eindrucksvolle Geschichte über ein tapferes Mädchen, das sich nicht unterkriegen lässt. Egal, was Toda auch passiert, egal, wie sehr sie sich auch fürchtet, sie behält die Nerven und marschiert weiter. Ihr unerschütterliches Gottvertrauen und die Hoffnung, irgendwann wieder mit ihrer Familie  zusammen zu sein, geben ihr Kraft und  neuen Mut. Toda gibt den Tausenden von Flüchtlingskindern auf der Welt ein Gesicht und eine Geschichte. Sie zeigt, wie schnell und völlig unerwartet ein Leben durch den Krieg zerstört werden kann – und wie man es schafft zu überleben.

Joke van Leeuwen gelingt es, die Welt mit Todas Augen zu sehen. Ihre klare, ganz einfache Sprache ist absolut authentisch. Ihre eigenwilligen Schwarzweiß-Zeichnungen passen vortrefflich zum Text. Todas Geschichte packt den Leser von der ersten Seite und entwickelt eine ganz eigene Spannung. Ein dünnes Buch (120 Seiten) mit großem Gewicht!

Joke van Leeuwen, Gerstenberg Verlag 2012, € 12,95

Monika Hanewinkel

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