Zuhause redet das Gras


Wilhelmine, genannt Will, ist ein eigensinniges und ungestümes Mädchen. Ihr Paradies liegt in Afrika, wo sie mit ihrem Vater lebt. Sie läuft barfuss durchs Gras, zähmt einen Affen und schläft auf Bäumen. Doch eines Tages verändert sich alles: Ihr Vater stirbt und sie soll auf ein Internat ins kalte England, wo sie niemanden kennt…

„Um Wills Welt von ihrer schönsten Seite zu erleben, musste man beim Sonnenuntergang hinausgehen. Dann wurde man zwar von Moskitoschwärmen gepiesackt, aber zur Belohung sangen die Kröten, und die Luft schmeckte nach Abenteuer. Die Männer nannten das die afrikanische Hexenstunde. (…) Die Welt schien aus erwartungsvoller Stille zu bestehen. Will zog ihre Knie unter ihr Kinn und schnupperte. Ihre Knie rochen genau wie die Luft – nach Rauch und Erde. Hatte es je einen glücklicheren Menschen gegeben als sie?“

‚Das wilde Mädchen’ – so wörtlich übersetzt der englische Titel, beschreibt Wilhelmine, genannt Will, genau. Sie ist dickköpfig und ehrlich und wild, wie der Wirbelwind braust sie über die Farm in Simbabwe, wo sie mit ihrem Vater, dem Verwalter der Farm, lebt. Ihr bester Freund ist Simon, der Pferdebursche, gemeinsam reiten sie über die Felder, braten Bananen im offenen Feuer und kämpfen um die Wette. Nachts liegen sie manchmal auf einem Baum und zählen die Sterne.

Aber eines Tages bricht ihre Welt zusammen: Der Vater stirbt überraschend und der Gutsbesitzer heiratet. Der neuen Frau ist das wilde Mädchen im Weg, wie eine böse Stiefmutter sorgt diese dafür, dass Will nach England ins Internat geschickt wird. Dort ist alles kalt – die Luft, die Betten, die Menschen. Ihre Mitschülerinnen benehmen sich anscheinend wohl erzogen, tragen Schuluniform und bestaunen Will wie exotische Erscheinung. Will verkümmert wie eine Pflanze, die nicht gegossen wird. Einigen Mädchen reicht es nicht, sie zu ignorieren. Sie quälen und ärgern Will. In einer Nacht schließen sie sich mit ihr im Badezimmer ein und zwingen sie, mitsamt ihrer verhassten Schuluniform in eiskaltem Wasser zu baden. Für Will ist die Sache klar – sie wird abhauen.

Die junge Engländerin Katherine Rundell hat mit ihrem ersten Buch einen bemerkenswert kraftvollen Wurf hingelegt. Die Figur kommt dem erfahrenen Leser vielleicht bekannt vor, mal scheint sie Pippi Langstrumpf, mal Aschenputtel zum Vorbild zu haben. Katherine Rundell arbeitet mit starken Mustern: Afrika, bzw. das Leben in der Natur, das „wilde Afrika“ wird idealisiert, England dagegen verteufelt. „Das Glück hat die Farbe dieses Käfers“, sagt Will noch in Afrika, in England, wo die Erwachsenen kalt und streng und die Mädchen sind albern und gemein sind, kann es also – zuerst ­– kein Glück geben. Aber alle Vorbehalte gegen die Konstruiertheit der Erzählung lässt man nach der Lektüre des ersten Kapitels fallen und folgt ihrem so lebendig und anschaulich geschilderten Schicksal voll atemloser Anteilnahme. Katherine Rundell hat einen bemerkenswert kraftvollen Erzählton, Gerüche und Farben werden beschrieben, Afrika atmet und lebt, England ist ein Kühlschrank, emotional wie klimatisch. Ein sehr eigenwilliges, reiches Buch!

 Katherine Rundell, Zuhause redet das Gras, Carlsen Verlag 2012, € 14,90, ab 12 Jahren

 Regine Bruckmann

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