Käfersommer


Als Edda Jo zum ersten Mal sieht, hockt er mitten auf der Straße und sammelt einen seltenen Käfer auf. Fasziniert schaut sie ihm zu, als wäre Jo auch so ein seltener Käfer. Noch kennen die beiden sich nicht, aber das ändert sich, als Jo in Eddas Klasse kommt. Jo ist ein sehr verschlossener Junge, denn er hat ein Geheimnis…

„Wenn die Geister in die Flaschen zurück gekrochen sind, nachdem Papa den Schnaps und das Bier ausgetrunken hat, schlafen sie jetzt genauso fest wie er. Das ist meine Chance! Ich schnappe mir eine Flasche nach den anderen, drücke den Korken so schnell wie möglich hinein und fange so in null Komma nichts die ganze Geisterbande ein. Dann stelle ich erstmal das Foto von Mama wieder ordentlich auf die Kommode. Papa dreht es immer um, wenn er nachts mit den Flaschengeistern kämpft. Sie soll ihm nicht dabei zuschauen.“

Jo’s Vater liegt den ganzen Tag auf dem Sofa und schläft den Alkoholrausch der letzten Nacht aus. Jo glaubt, auf den Vater aufpassen zu müssen, und geht deshalb gar nicht mehr zur Schule. Seine Mutter ist gestorben und der Vater hat seine Arbeit verloren. Nun ist er Hauswart in ihrem Mietshaus. Deshalb klingeln oft andere Hausbewohner, wenn sie ihren Schlüssel vergessen haben oder ihr Wasserhahn tropft. Jo versucht dann zu helfen, so gut er kann, und hofft, dass es niemandem auffällt, dass sein Vater schon wieder nicht ansprechbar ist.

Weil Jo niemand hat, mit dem er sprechen kann, spielt er mit seinen Käfern. Diese kleinen gepanzerten und dabei so verschiedenartigen Wesen faszinieren ihn, ihnen vertraut er seine Ängste und Sorgen an. Doch dann sorgt das Jugendamt dafür, dass er wieder zur Schule geht und dort trifft er Edda.  Sie ist ein Mädchen, das nicht „IHH!“ schreit, wenn sie Käfer sieht, sondern davon mindestens so fasziniert ist wie von dem rätselhaften und verschlossenen Jungen Jo selbst. Sie fühlt sich sehr von ihm angezogen und versucht, hinter sein Geheimnis zu kommen. Als sie beobachtet, wie sein Vater eines Tages von der Polizei abgeholt wird, weiß sie, dass sie handeln muss und Jo Hilfe braucht…

Brigitte Jünger hat das Buch so geschrieben, dass man Jos und Eddas Geschichte immer abwechselnd aus ihrer persönlichen Perspektive erfährt. Das ist zu Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, aber dann verschränken sich die beiden Geschichten immer stärker ineinander. Viele der geschilderten Ereignisse erleben die beiden Kinder  zusammen, aber jeder nimmt sie für sich anders wahr. So kommt man beim Lesen jeder Figur sehr nah, erlebt den Prozess der Annährung und Beziehung aus beiden verschiedenen Perspektiven. Die Autorin (Rundfunkjournalistin und selbst Mutter von drei Kindern) hat einen guten Blick für die Erlebniswelt von Kindern, andererseits biedert sie sich sprachlich auch nicht an, sondern beschreibt sorgfältig Details oder Stimmungen.

KÄFERSOMMER ist ein lebenskluges, anspruchsvolles Buch, das es sich und den Lesern nicht einfach und trotzdem Mut macht.

Brigitte Jünger, Käfersommer, Verlag Jungbrunnen 2011, €13,90, ab 10 Jahren

Regine Bruckmann

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3 Gedanken zu „Käfersommer

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