„Ich schreibe für meine Charaktere.“


Jugendbuchtipp

Zoran Drvenkar

Interview mit Zoran Drvenkar über sein neues Buch DER LETZTE ENGEL

Der 16jährige Motte erhält eines Abends eine seltsame Nachricht: „Sorry für die schlechte Nachricht, aber wenn  du aufwachst, wirst du tot sein.“ Das muss ein schlechter Scherz sein, denkt sich Motte, aber trotzdem versucht er, die ganze Nacht wach zu bleiben. Er schafft es nicht, irgendwann schläft er ein, mit einem Comic auf dem Bauch, und als er aufwacht, ist er der letzte Engel auf Erden.

Zoran Drvenkars neues Buch ist zugleich realistisch und traumverloren, witzig und poetisch, grausam und traurig. Ein typischer Drvenkar eben. Nur die Frage, ob es ein Jugendbuch ist, lässt sich schwer klären.

Zoran Drvenkar erfindet krude, komplizierte Welten, in denen man sich als Leser verirren kann, – unter einer Geschichte gehen wie durch Falltüren hindurch immer neue auf, die kunstvoll miteinander verbunden sind. Wie entstehen Zorans Bücher? Wie erfindet er seine Universen? Welche Motive sind ihm wichtig? Das KinderBuchExperten-Gespräch versucht eine Annäherung. Allerdings: Zoran erklärt seine Bücher nicht gerne, er schreibt sie lieber. Willkommen in Zorans Welt!

Wie entsteht so eine komplizierte Geschichte wie der LETZTE ENGEL? Wo fängst du an? Hast du einen Plan, bevor du zu schreiben beginnst?

Nein, habe ich nicht. Ich hatte einfach die Idee: Ein Junge wacht morgens auf, hat zwei Flügel auf dem Rücken und keine Ahnung, was los ist. Und ich mochte dieses Bild, wie er vorm Spiegel steht und hoch guckt und denkt, wo kommen diese Flügel her? Mehr braucht es bei mir nicht. Dann geht das Feuerwerk los.

Von den Engeln geht in deiner Geschichte eine starke Faszination aus. Sie sind der Motor aller Handlungen, lösen eine Lawine von Ereignissen aus. Sind dir Engel wichtig? Wofür stehen sie?

Ich interessiere mich überhaupt nicht für Engel, jedenfalls nicht in religiösem Sinne. Es stimmt, es tauchen ab und zu Engel auch in anderen Büchern von mir auf, aber das sind eher Schutzengel und keine echten Engel-Engel. Ich bin mir sicher, dass immer jemand da ist, der auf uns aufpasst, auf den wir vertrauen können.

Warum wird Motte dann aber ein Engel?

Ich bin ja jemand, der sehr vom Bauch geleitet ist. D.h., wenn ich mich hinsetze und über Motte als Engel schreibe, dann bin ich bei Motte, und ich denke nicht, hhmm, was will der Zoran jetzt damit sagen, mal gucken, wo der hin will. Das weiß ich nicht. Frag mich später noch Mal. Vielleicht so in zwei Jahren, wenn ich drüber nachgedacht habe.

???

Während ich schreibe, denke ich nicht wirklich darüber nach, ich bin so in der Geschichte drin, das kannst du dir nicht vorstellen. Ich hab keinen Abstand dazu, ich weiß nicht, wo die Geschichte hinführt, ich ertaste das alles mit jeder Seite, die ich schreibe. Und am Ende füge ich es zusammen und versuche es rund zu machen, aber ich frage mich nicht: Was willst du damit sagen? Sondern eher: Wohin sind meine Charaktere unterwegs und was ist die Geschichte?

Schrecklich, hhmm? Mann, ich wäre so gerne einer von diesen cleveren Autoren, die jetzt sagen könnten, Engel, ja weißt du, Engel, damals usw. Aber ich habe so was einfach nicht im Kopf.

Es gibt so viele Handlungsstränge in deinen Büchern. Wie kommst du von einem zum anderen?

Ich entwickle einen Charakter, ich schreibe die Geschichte aus seiner Sicht, ich stoße einen Stein an und irgendwann weiß ich nicht weiter. So. Was mach ich? Ich wechsle einfach die Perspektive und gehe zu einem anderen Charakter. Und ich mache viele verschiedene Stränge auf und kann zwischen denen hin und her wechseln. Ich merke richtig vom Bauch her – oh, jetzt ist der dran – jetzt muss ich zu dem zurückgehen. Das ist ein bisschen wie Film schneiden, nur dass ich den Film parallel dazu erst drehe.

Kommst es vor, dass du dich dabei verirrst?

Manchmal laufe ich die falsche Straße runter. Ich schreibe eine Szene, die mir total gut gefällt, aber ich merke, die Szene ist nicht echt, meine Charaktere würden das nicht wirklich machen. Und dann kommt sie in den Müll. Ich habe vom jedem Roman so ungefähr 110 Seiten, die ich raus schmeiße.

Situationen oder Charaktere kommen manchmal auch ganz unerwartet. Die Gebrüder Grimm z.B. waren nie eingeplant. Ich hab einfach gemerkt, whow, ich bin in der Vergangenheit, weil die Atmosphäre so war. Ich wusste auch nicht, wer da am Tisch sitzt. Und plötzlich wusste ich es: Es sind die Gebrüder Grimm! (seufzt)

Warum hast du dich entschieden, Schriftsteller zu werden?

Ich kann nichts anderes, ich bin Erzähler. Ich lebe sehr durch die Charaktere, darum muss ich auch nie verreisen, so war ich schon in Finnland und Kanada. Mit 14 habe ich meine erste Horrorgeschichte geschrieben und dachte: Yeah, ich bin großartig! Ich glaube, man weiß, dass man Erzähler ist, wenn man sich dabei großartig fühlt. Ich glaube, das ist ein gutes Rezept.

Nicht jeder, der mit 14 Horrorgeschichten schreibt, wird ein guter Schriftsteller.

Der Clou ist: Du musst dran bleiben. Wenn ich lese, was ich damals geschrieben habe, ist es der allerletzte Schrott. Aber damals hast du ja — sagen wir mal ganz ehrlich ­­– einen schlechten Geschmack. Du magst Trash und du magst, wenn es ein bisschen schundig ist  usw., und so schreibst du dann auch, weil du es ja magst. Und du wächst ja mit der Zeit mit dem Schreiben.

Ich habe Romane geschrieben, die du nie anfassen würdest, so schlecht sind die. Das gehört dazu. Und ich weiß, dass sie schlecht sind, aber damals war ich der King damit. Es hat auch keiner gelesen, das war vollkommen egal, ich hatte Spaß daran. Ich hab ein Buch beendet, hab’s nächste angefangen, weil ich einfach erzählen wollte.

Darum, wenn jemand schreibt und sagt: „Ich hab meinen ersten Roman geschrieben, soll ich den jetzt raus bringen?“, sag ich: Schreib mal die nächsten zehn und dann können wir drüber reden. Du musst ja lernen, wer du bist, durch’s Schreiben, und du musst ja auch den ganzen Schund, den du gelesen hast, wieder raus schreiben, und ich hab Schund gefressen, ich hab Schund wirklich wirklich wirklich gefressen. Also wenn jemand Groschenhefte geliebt hat, dann war ich das. Und das muss alles raus.

Deine ersten Bücher hast du über deine Kindheit und Jugend in Berlin geschrieben.

Das waren nicht meine ersten, das waren meine zwanzigsten…Ich wollte ja nie über meine Kindheit schreiben, aber dann war es so, wie wenn du eine Tür auftrittst: Ich habe eine Erzählung geschrieben, 15 Seiten und die handelte von den Sommerferien mit meinen Eltern. Und plötzlich merkte ich, dass  ich mich an so Sachen erinnere ­– obwohl ich nicht mal genau weiß, ob es Erinnerungen sind ­– ­ plötzlich kamen die ganzen Geschichten raus, die schossen raus. Ich hätte sie nicht erzählen können, ich konnte sie nur beim Schreiben rauslassen. Und das ist für mich Schreiben. Das ist sehr sehr unbewusst, aber dahinter steckt etwas, was gerne raus möchte, was ans Licht soll.

In deinen neueren Büchern geht es weniger um Kindheit und Jugend und es werden – wie in SORRY oder DU – sehr grausame Dinge beschrieben. Wie passt das zu deinen anderen Büchern, den autobiografisch inspirierten Jugendromanen?

Da bohre ich eine andere Quelle an. In den aktuellen Büchern ist auch sehr viel von mir drin. Das ist so ein bisschen so, als ob man vegetarisch essen geht oder zur Schlachtbank. (grinst) Aber ich schreibe ja keine Schlachtszene, weil ich dich erschrecken will als Leser. Es sind meine Charaktere, die da rein rasseln, es ist ihr Moment, und ich denke nie: Hehe, ich bin der Autor und jetzt mache ich es wieder schön wieder blutig, weil die Leute das mögen. Nein, es hat immer einen Sinn. Und ich glaube, das ist das Schlimmste: Wenn du etwas Schlimmes, Brutales hast, und das macht Sinn. Das ist grausam – und das bin ich manchmal.

Deine Helden sind manchmal grausam, es gibt aber auch sympathische Jungs, die ein bisschen verpeilt sind, so wie Lars, der Freund von Motte, oder die Jungs von der Kurzhosengang. Welche magst du mehr?

Motte ist der Charakter, der die ganze Geschichte in DER LETZTE ENGEL erzählt. Er hat Distanz zum Geschehen, kann viel lakonischer als die anderen sprechen. Er sagt über sich: „Ich war Motte.“  Da ist viel Trauer in der Figur. Ich finde im Schreiben heraus, wer meine Charaktere sind. Und ich mag die rätselhaften Charaktere sehr, also z.B. Lazar, weil ich ihn beim Schreiben erst kennen gelernt habe. Aber auch Lars, Mona, der Zar, die Gräfinnen – ich mag sie alle. Ich bin so nah an den Charakteren dran, ich werde ein Teil von ihnen und lasse sie erzählen.

Ein bisschen habe ich das Gefühl, sie leben alle in mir drin. Sie wollen raus, sie haben was zu erzählen. Ich mag sie alle, auch die düsteren Charaktere, und wenn sie die hundsgrößten Schweine sind, ich mag sie. Und sie sind ein Teil von mir und das ist, glaube ich, für mich Schreiben – nicht irgendwelche Planung, nicht irgendwas für den Leser schreiben, sondern ich schreibe für meine Charaktere. Wenn ich irgendwann nach Hause komme und die stehen alle vor meiner Tür, wäre ich nicht überrascht. Für mich sind die absolut wirklich echt.

War DER LETZTE ENGEL überhaupt als Jugendbuch geplant?

Na ja, die Hauptfigur Motte ist 16, so fing das Buch an. Das waren 10 Seiten, die ich dem Verlag gegeben habe. Und das sieht ja nach einem Jugendbuch aus, wenn man ehrlich ist. Dann habe ich mich an die Arbeit gemacht und es wurde etwas vollkommen anderes daraus.

Hat der Verlag dann Schwierigkeiten gemacht?

Eigentlich wussten sie ja, dass sie kein Jugendbuch von mir kriegen, sondern ein Buch-Buch, und darum hat Verleger auch gesagt: Das ist Belletristik. Ich mach ja auch nichts anderes. Ich sitze nie da und versuche für jemanden zu schreiben. Und ich finde, so bald Jugendbuch draufsteht, hat jemand etwas für jemanden geschrieben. Kinder, Jugend oder Erwachsene – das ist für mich völlig egal. Ich schreibe für meine Charaktere und mit denen gehe ich los.

Gibt es in dem Buch eine Ebene zwischen Leben und Tod? Was ist mit dem Engel, der mit Mona durch die Geschichte geht? Ist er tot oder nicht?

Er ist tot, aber Mona hat ihn aus ihrer Erinnerung an ein früheres Leben geholt. Dort ist sie dem Engel begegnet und hat ihn in die Gegenwart gebracht. Sie hat also nicht die Vergangenheit geändert, sondern hat ihre Erinnerung berührt. Deswegen ist er da und so bald Mona einschläft, ist er weg, das war’s. Also, es gibt eigentlich keine Ebene zwischen Leben und Tod. Aber ich bin ein Fan von Unsterblichkeit, ich habe z.B. nicht vor zu sterben, also wirklich, was soll der Quatsch. Meine Gräfin und der Zar wollen ja auch nicht aufgeben. (lacht)

Und was ist mit Motte? Der ist doch tot und läuft herum und kann erzählen.

Motte – das ist ein anderer Bahnhof. Motte hat die Arschkarte gezogen. Die haben ja die Experimente vergurkt. Sie dachten, dass Engel gezeugt werden können. Aber die Wahrheit ist eine andere. Aber ich verrate natürlich nix, ich arbeite gerade an dem zweiten Band.

Warum muss Motte gleich wieder die Flügel verlieren? Die Flügel sind doch das einzig Gute an seiner neuen Situation…

Was gibt’s Langweiligeres als einen Engel, der Flügel hat? Wer will denn das lesen? Ein Engel ohne Flügel – das ist spannend, der ist frustriert, sage ich dir, der will seine Flügel wieder haben. Ey komm, blöder geht’s nicht, ein Typ, der herum fliegt, als Engel mit Flügeln, (lacht)…ist doch keine Spannung dahinter.

Die Stelle fand ich aber sehr grausam, ich war wirklich traurig.

Die Sache ist die: Du sollst mir vertrauen in dem Buch. Ich führ dich sicher durch, ich bring dich in Verwirrung, du wirst verloren sein und alles, aber ich hab das im Griff. Das ist meine Aufgabe, dem Leser ein Gefühl von Sicherheit zu geben –  mein Job.

Zoran Drvenkar, Der letzte Engel, Verlag cbj 2012, € 16,99, ab 14 Jahren

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