„Die Bücher sind einfach mir entsprungen“ – Interview mit Kirsten Reinhard über ihr neues Buch „Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen“


Kirsten_Reinhardt

 

Für ihr erstes Buch „Fennymores Reise oder wie man Dackel in Salzmantel kocht“ hat die Berliner Autorin den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten. Ihr zweites Buch, das im Frühjahr 2013 erschienen ist, handelt von den Zwillingsschwestern Olga und Henrike, ihrem mutigen Besucher aus Frankreich und einem schauriges Geheimnis…

Man kennt ja Werwölfe, meistens sind es Männer, die mit ihrer tierischen Natur zu kämpfen haben. Wie sind Sie darauf gekommen, ein Mädchen-Zwillingspaar zu erfinden, das sich in Vollmondnächten in ein einziges riesiges Ungeheuer verwandelt?

Ehrlich gesagt, ist die Grundidee des Buches, aus einem Traum von mir entstanden. In diesem Traum kamen unter anderem die Zwillinge Sandra und Kerstin Grether vor. Die beiden sind Journalistinnen, Popfeministinnen und Musikerinnen  – gemeinsam haben sie auch eine Band, die Chanson-Rockband DOCTORELLA. Starke, coole Frauen, die für meine Hauptfiguren Olga und Henrike Vorbilder sein könnten. Von den beiden kommt zumindest Olgas große Vorliebe für Rockmusik.

Sind Olga und Henrike, die beiden unheimlichen Schwestern, Feministinnen?

Die Mädchen sind auf jeden Fall sehr stark, feministisch kann man vielleicht nicht sagen: Sie sind es, ohne zu wissen, dass es das gibt, glaube ich. Sie müssen ja auch alleine klar kommen und dürfen nicht auffallen in diesem kleinen Ort, in dem jeder jeden kennt –  müssen gute Noten haben in der Schule, müssen ihre Stromrechnung bezahlen usw.

In Ihrem ersten Buch waren die Eltern gestorben oder gehirnmanipuliert, jetzt, in der „Haarigen Geschichte“ kommt der Vater gar nicht erst vor und die Mutter ist geistig verwirrt. Sie lebt im Sanatorium, glaubt aber, Konzertpianistin auf einem Kreuzfahrtschiff zu sein. Warum gibt es in Ihren Büchern bisher keine Eltern?

Ich finde nicht, dass die Kinder deswegen nicht unbedingt zu bedauern sind. In meiner eigenen Kindheit waren bei den wirklich spannenden Sachen meine Eltern auch nicht dabei. Ich habe mich als Kind immer besonders ernst genommen gefühlt, wenn in Geschichten Kinder beschrieben wurden, die etwas alleine gemacht haben.

Und es ist doch so: In der Kindheit und Jugend fühlt man sich oft so einsam und unverstanden, dass das eigentlich so ist, als wäre da niemand. Meine Eltern waren natürlich da und haben für mich gesorgt und Essen gemacht und hatten immer ein offenes Ohr, aber mich wirklich verstehen in diesen schrecklichen pubertären Verwirrungen, die ich für mich selbst noch nicht mal selbst artikulieren konnte – das konnten sie nicht.

Im ersten Buch kocht die Tante von Fennymore Sonntags immer „Dackel im Salzmantel“, im neuen Buch hat sich der Junge Albert Xavier sein französisches Essen in Dosen mitgebracht, und da sind so Leckereien drin wie „Canard a la Presse“, Entenfleisch mit Blut und Innereien. Warum werden in Ihren Büchern immer so seltsame Sachen gegessen?

Das hat seinen Ursprung wohl in den Sonntagsessen mit meinen Großtanten. Ich hatte eine Großmutter und drei Großtanten. Sonntags haben sie zum Essen geladen und ich musste brav am weiß gedeckten Tisch sitzen und diese fürchterlichen Sachen, die die gekocht haben, essen. Ich habe ständig gehört: Ach Kind, nimm doch noch Mal von der schönen Suppe. Und diese schöne Suppe war dann vielleicht Kirschsuppe, mit so ganz labbrigen Kirschen, die aussahen wie Augen, die da so drin schwammen. Ich habe als Kind ganz komische Assoziationen dazu bekommen und in meiner kindlichen Vorstellung hätten sie auch „Dackel im Salzmantel“ zubereiten können.

Die Welt in Ihren Büchern wirkt ein wenig altmodisch…

…wirklich? Ich bin so aufgewachsen, in einem kleinen Ort in Niedersachsen mit Bäcker, Apotheke, Sparkasse, die „Kreischsparkasse“…und es gab sogar die Verkehrsinsel mit den gepflanzten Stiefmütterchen. Die Nachbarin hat aus dem Fenster geschaut, der Apotheker stand in braunen Cordhosen vor seiner Tür – schreibend kehre ich in die Welt meiner Kindheit zurück.

Ihre Bücher wirken einerseits realistisch, andererseits gibt es auch fantastische Elemente,  das macht es schwer, Ihre Bücher einzuordnen und zu beschreiben.

Die „Haarige Geschichte“ ist kein Buch, das in der Marketing-Abteilung eines Verlages ausgedacht wurde. Es ist nicht ‚das Pferdebuch für Mädchen ab 10’ oder ‚der Fantasy-Gruselroman für Jungen ab 13’, sondern einfach ein Buch, das mir entsprungen ist, erstmal völlig unabhängig davon, welche Genres es gibt. Über Genres habe ich mir vorher überhaupt keine Gedanken gemacht.

Sind Sie Ihren Figuren sehr nah?

Ja, ich denke schon. Vielleicht sind sie alle irgendwie ich. Und Olga am meisten…

Was verbindet Sie mit Olga?

…sie tut immer so ruppig, sie hat ein Faible für Musik, sie schneidet ihre Haare selbst…und sie macht immer blöde Witze und lacht dann selbst darüber. Das wurde mir immer sehr vorgeworfen von meiner Schwester. Dass ich über meine eigenen Witze lache.

Was bedeutet das Schreiben für Sie?

Es bedeutet mir alles. Schreiben ist mein Leben. Dass ich das jetzt machen kann, meine Geschichten aufschreiben und davon leben kann: Das ist das Größte, was ich mir je vorstellen konnte, es ist wirklich  – ein Wunder!

Kirsten Reinhardt, Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen, Carlsen 2013, € 12,90, ab 10 Jahren

Interview: Regine Bruckmann

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