Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen


HAARIGE-GESCHICHTEDie Figuren in den Büchern von Kirsten Reinhardt sind ein bisschen altmodisch und seltsam. Sie haben keine Handys oder Computer, sie lieben komplizierte Wörter, sie haben keine Eltern und sie essen sehr sehr merkwürdige Dinge. Für ihr erstes Buch „Fennymores Reise oder wie man Dackel in Salzmantel kocht“ hat die Berliner Autorin den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten. Ihr zweites Buch, das im Frühjahr 2013 erschienen ist, handelt von Zwillingsschwestern Olga und Henrike, die ein schauriges Geheimnis haben, und ihrem mutigen Besucher aus Frankreich. Dieser kommt früher, als erwartet:

„Natürlich waren sie überwältigt, als der Austauschfranzose einfach so in ihrer Küche stand. Olga war im ganzen Gesicht mit übel riechender gelber Paste beschmiert. (…) Henrike stand in einer Pfütze aus Kaffee und starrte mit offenem Mund auf ihren Gast.“

Albert Xavier kommt aus Paris, um den Mädchen während der Osterferien Nachhilfe in Französisch zu geben. Aber Olga und Henrike haben so ihre eigenen Pläne mit dem Austauschfranzosen und dieser ist von den Mädchen nachhaltig beeindruckt:

„Seltsam, diese Mädchen, dachte er. Allerdings war er sich nicht sicher, ob diese Mädchen speziell seltsam waren oder ob Mädchen nicht generell seltsam waren und diese folglich nur normal seltsam.“

So ist das kurz vor der Pubertät: Das andere Geschlecht ist seltsam, ­ ob normal seltsam oder nicht, wer weiß das schon. Die Mädchen in diesem Buch sind wirklich außergewöhnlich. In Vollmondnächten verwandeln sie sich in Werwesen und Albert Xavier befindet sich in großer Gefahr. Aber darauf ist er gut vorbereitet, denn auch er hat ein Geheimnis. Olga und Henrike müssen wie Pippi Langstrumpf ihr Leben meistens alleine meistern, aber jetzt sie haben ja den Austauschfranzosen, mit dem sie sich entgegen ihrem festen Vorsatz doch anfreunden. Und der? Hat es nicht einfach im fremden Land bei den ruppigen Mädchen, aber er tröstet sich mit seinem französischen Essen aus den mitgebrachten Dosen:

„Canard a la Presse, das ist Entenfleisch mit Sauce aus ausgepresster Carcasse, also dem Körper der Ente, mit Leber, Blut und Cognac.“

Diese originelle und mehr realistisch als fantastisch anmutende Geschichte ist kein Buch, das in der Marketingabteilung eines Verlages entstanden ist. Es lässt es sich Zeit, es leistet sich skurrile Helden und es ist nicht für eine klar definierte Zielgruppe geschrieben. Verkauft wird es für Leser ab 10, aber auch Jugendliche und Erwachsene werden mitfiebern, wenn die gefürchtete Vollmondnacht immer näher rückt und die Mädchen sich auf ihre Verwandlung vorbereiten:

„Erst war nur ein schmales Stück zu sehen, durch den Schein der Sonne rötlich gefärbt. Doch das reichte aus. (…) Die Schwestern krümmten sich unter der Kraft des aufgehenden Vollmondes. Sie konnten nicht mehr an Albert Xavier denken. Sie konnten überhaupt nicht mehr denken. Alles war Schmerz und Verwandlung.“

„Die Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen“ ist ein starkes und berührendes Buch über Außenseiter, Freundschaft und über die Pubertät, die sich manchmal so seltsam anfühlt wie ein großes wildes Tier.

Kirsten Reinhardt, Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen, Carlsen 2013, € 12,90, ab 10 Jahren

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2 Gedanken zu „Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen

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