„Ich hatte so viel Glück“ – Interview mit Judith Kerr zu ihrem 90sten Geburtstag


Judith Kerr, geb. am 14.06.1923

Judith Kerr, geb. am 14.06.1923 (Kerr-Kneale-Productions Ltd.)

Judith Kerr wird 14.06.1923 als Tochter des jüdischen Theaterkritikers, Essayisten und Schriftstellers Alfred Kerr in Berlin geboren. Im Januar 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, muss die Familie Deutschland auf der Flucht vor den Nazis verlassen.

Während es für die Eltern sehr schwer ist, in ständiger Sorge um die Existenzsicherung im Exil zu leben, nimmt vor allem Judith Kerr die Reisen und Veränderungen auch als Abenteuer wahr.

In England lernt sie nach dem Krieg bei der BBC ihren Mann, den Fernsehautoren Nigel Kneale kennen. Judith Kerr bekommt zwei Kinder und wird als Illustratorin und Kinderbuchautorin erfolgreich. Die herrliche Vorlesegeschichte „Ein Tiger kam zum Tee“ und die Episoden um den „Kater Mog“ werden zu Klassikern der Kinderliteratur. Über ihre Familiengeschichte schreibt sie drei Bücher: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, „Warten bis der Frieden kommt“ und „Eine Art Familientreffen“. Für das „Rosa Kaninchen“, welches heute noch Standardlektüre in deutschen Schulklassen ist, wird sie 1974 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Frau Kerr, mit welchen Gefühlen kommen Sie heute nach Deutschland? 

Als mein Vater starb,1948 in Hamburg, kam ich zum ersten Mal nach dem Krieg nach Deutschland. Das war etwas unheimlich, man fragte sich, was die Menschen, die man traf, getan hatten. Hatten sie da mit gemacht? Aber schon als ich den Jugendliteraturpreis bekam, das war, glaube ich, 74 oder 75, waren doch ganz neue Menschen da, und die waren wunderbar und haben sich immer so Sorgen gemacht. Immer noch treffe ich auf Menschen, die sich Sorgen darüber machen, was damals geschehen ist. Und ich sag zu ihnen…wie könnt ihr euch schuldig fühlen für etwas, was passiert ist, als selbst ihre Eltern noch nicht geboren waren? Es ist doch eine andere Welt.

Judith und ihre Familie (Kerr-Kneale  Productions Ltd)

Judith und ihre Familie
(Kerr-Kneale Productions Ltd)

Fast 40 Jahre nach Ihrer Emigration haben Sie ein Buch über Ihre Familie geschrieben. Warum so spät?

Für mich war es genau der richtige Moment. Der Tiger war eine Gute-Nacht-Geschichte, die ich damals für meine kleine Tochter erfunden habe. Zu der Zeit habe ich mich zuhause um meine Kinder gekümmert. Aber als sie dann beide in der Schule waren, dachte ich, was mache ich jetzt damit dieser Geschichte? Ich konnte ich sie auswendig, weil sie meiner Tochter immer so gut gefallen hat, und so wollte ich versuchen, ein Bilderbuch daraus zu machen. Das war der Tiger. Und als die Kinder lesen lernten, ist mir plötzlich aufgefallen, wie furchtbar schwierig das auf Englisch ist. Ich habe auf Deutsch Lesen gelernt, das ist viel leichter. Da wollte ich ein Bilderbuch machen, das nicht so viele Worten hat, die sich immer wiederholen, damit man Lesen lernen kann. Und das war der Mog. Und dann waren sie größer und ich hab manchmal versucht, ihnen zu erzählen, wie das war, als ich ein Kind war. Mein Sohn liebte Reisen und sagte: ‚Das muss doch ganz interessant gewesen sein’. Meine Tochter war dagegen nur gern mit der Katze und ihrer Schaukel zuhause und meinte: ’Das muss doch schrecklich gewesen sein.’ Und da habe ich das Buch geschrieben, eigentlich für meine Kinder, um ihnen zu erzählen, wie das damals bei uns war.

Was haben Sie selber dabei empfunden und gedacht, als Sie wieder in Ihre Geschichte  eingetaucht sind?

Meine Eltern waren da beide schon einige Jahre lang tot. Man denkt ja eigentlich nur an sich selber als Kind. Ich wusste natürlich, dass es für meine Eltern schrecklich war. Aber wie war es wirklich für eine Mutter, mit ihren Kindern fliehen müssen? Und plötzlich habe ich überlegt, wenn ich meine Kinder über die Grenze bringen müsste, wie würde ich das machen? Und es war mir ganz klar, dass ich es nicht so gut gemacht hätte wie meine Mutter. Ich glaube, ich hätte die Kinder durchgebracht, aber sie hätten wahrscheinlich mehr Angst gehabt. Ich wollte das Buch zuerst für meine Kinder schreiben, aber dann wollte ich unbedingt über meine Eltern schreiben, damit man erfährt, wie gut sie waren.

In der Schule (Zeichnung von Judirh Kerr, Kerr-Kneale Productions Ltd)

In der Schule (Zeichnung von Judith Kerr, Kerr-Kneale Productions Ltd)

Trotzdem ist das Buch ganz konsequent aus Kinderperspektive, aus der Sicht von Anna geschrieben.

Ich habe nur das geschrieben, was ich damals wusste, nichts von dem, was ich später erfahren habe. Ich wollte eben sagen, wie es damals für meinen Bruder und mich war. Und ich fand das herrlich! Später, als wir nach England kamen, war ich schon ein bisschen älter und mir wurde klar, wie furchtbar schwierig das für meine Eltern war. Aber die ersten Jahre in der Schweiz und in Frankreich – ich glaube, meine Eltern hatten da noch auch noch mehr Hoffnung, und uns gegenüber haben sie so darüber gesprochen, als wäre es ein großes Abenteuer.

Ihren 10. Geburtstag haben Sie mit einer Schifffahrt auf dem Zürichsee gefeiert. Sie waren damals sehr enttäuscht, dass es keine große Feier mit Kindern geben konnte, wie in den Jahren zuvor in Berlin. Erinnern Sie sich an das kleine Mädchen, dass Sie damals waren, wissen Sie noch, wie sich das angefühlt hat?

Ich erinnere mich an diesen Ausflug auf den Zürichsee. Aber wissen sie, es ist merkwürdig: Wenn man über Dinge schreibt, die man erlebt hat, ist es nachher schwer, sich an Dinge zu erinnern, über die man nicht geschrieben hat. Es waren wahrscheinlich auch die wichtigsten. Aber ich weiß noch wie das war: Es war mein 10. Geburtstag und es passierte eigentlich gar nichts.

Für Sie war es ein großes Abenteuer, aber für ihre Eltern muss es schwer gewesen sein.

Ich fand es unglaublich interessant. In Paris standen mein Vater und ich ein Mal am Fenster und schauten hinunter auf die Dächer von Paris. Wir wohnten da ganz hoch in einer miesen kleinen Wohnung und ich sagte zu meinen Vater: ‚Ist es nicht herrlich, Flüchtling zu sein?’ Es schien mir auch so. Ich glaube, mein Bruder hat mehr vermisst, denn er spielte gerne Fußball, dazu braucht man 21 andere Jungen, das ist nicht so leicht, obgleich er es meistens irgendwie geschafft hat. Ich wollte nur herum gehen und zeichnen, das konnte man überall. Für mich war es mir ganz klar, dass es viel besser war, als wenn wir in Berlin immer geblieben wären, auch ohne die Nazis. Es war großartig.

Judith mit ihrem Vater in Paris (Kerr-Kneale  Productions Ltd)

Judith mit ihrem Vater in Paris (Kerr-Kneale Productions Ltd)

Sie waren aber auch ein sehr unternehmungslustiges Mädchen.

Mit den Sprachen ist es so: Wenn man 10 Jahre alt und in Frankreich ist und überall sprechen die Menschen Französisch, auch in der Schule, dann ist es nicht so schrecklich schwer, eine Sprache zu lernen. Und wenn man es dann kann, dann fühlt man sich so sicher. Wir dachten, das wird schrecklich schwer sein, und dann haben wir es gemacht. Das ist sehr gut für die Menschen. Und gerade als wir Französisch konnten, mussten wir Englisch lernen. Aber wir wussten jetzt, dass das geht. Ich habe Wörter immer geliebt und drei Sprachen sprechen zu können, war ein großes Geschenk. Ich habe immer so kleine Geschichten geschrieben, und eine Zeitlang habe ich mich gefragt: Geht das besser auf Französisch oder besser auf Englisch? Das konnte man so auswählen, das ist sehr schön.

Gab es später in Ihrem Leben einen Moment, wo Sie gespürt haben auch etwas verloren zu haben?

Ich hatte nur das Gefühl, dass es ein riesiger Gewinn war. Ich habe mit 9 Jahren gewusst, was im Konzentrationslager vorging. Das existiert nicht mehr für mich, das ist weg. Das ist ein schwarzes Loch, daran denke ich nicht mehr. Ich denke nur an das, was jetzt ist. Manchmal sind es ganz kleine Dinge, die einem fehlen, nicht wahr, aber nein, ich habe nie einen Verlust gespürt oder gedacht, ich möchte da wieder hin zurück. Nein.

Nur das rosa Kaninchen war weg.

Ja, das Kaninchen war weg, das war eben so dumm von mir. Ich hätte das Kaninchen mitnehmen sollen, statt diesem Bully, so hieß der Hund, der war ganz langweilig.

Für Ihre Eltern war es sicher schwerer.

Sie hatten ja unglaubliche Geldsorgen, gleich von Anfang an. Ich wurde gleich in Lugano todkrank. Meinem Vater hatte man alles abgeschnitten, vom Tag, an dem Hitler an die Macht kam. Und da waren sie in Lugano mit einem todkranken Kind und hatten kein Geld. Ein Freund ist in Berlin in den Speicher gegangen und hat eine Kiste von Büchern verkauft. Und davon hat mein Vater das Hotel bezahlt und die Ärzte. Es gibt einen Brief an das Berliner Tageblatt, für das er schrieb. Darin bittet er um das Geld, dass man ihm schuldet, und er schreibt: ‚Ich will nicht, dass meine Kinder auf die Straße gesetzt werden‘, und das innerhalb drei, vier Wochen nach der Emigration – wie übersteht man so etwas? Und dann wurde natürlich alles konfisziert und das war das einzige, was er damals verkaufen konnte.

Die Mädchen und Jungen in der Grundschule, die Sie dann in der Schweiz besuchten, wurden teilweise getrennt voneinander unterrichtet. In Ihrem Buch schreiben Sie, wie sehr Sie das verwundert hat.

Es fing auch in Deutschland erst an, aber ich war in Berlin in einer Klasse, wo es Jungen und Mädchen gab, und das fand ich ganz richtig. Nicht weil ich unbedingt mit Jungen umgehen wollte, mein Bruder hatte ja viele Freunde. Es schien mir ein bisschen merkwürdig – warum nur Mädchen?

Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, dass Sie eine emanzipierte Frau waren?

(großer Seufzer) Was soll ich sagen? Meine Mutter hat immer komponiert, ich habe gezeichnet, das war eigentlich selbstverständlich. Ich weiß nicht, Frauenrechte? Ich trage keine Schilder herum, ich bin nicht so. Ich hatte eine Kusine, die war Ärztin, meine Mutter, die hat immer Noten geschrieben, ich habe gezeichnet. Ich hatte das Gefühl, man kann das doch machen, wenn man will.

Wie war es für Sie, die Tochter eines so berühmten Vaters zu sein? 

Wissen Sie, das hat ja nicht so lange gedauert. In Berlin war es immer so, dass ich wegen ihm angesprochen wurde. In Paris und  England war er ganz unbekannt. Wir wussten, dass er ein großer Schriftsteller war und dass ihm eine Ungerechtigkeit geschehen war. Man wusste, dass er nicht ein berühmter, aber ein sehr wichtiger Mensch war, und dass das Leben für ihn schwer war. Aber er hatte uns das nie gezeigt. Er hatte ein Talent dazu, glücklich zu sein, er hat sich nie beklagt, er fand immer irgendetwas, was interessant war und über das man lachte.

Als er starb, hat Ihnen eine Nachricht hinterlassen: „Du sollst glücklich sein.“

„Du musst glücklich werden!“ – Das war eine Zeit meines Lebens, wo ich zwar zeichnete, aber es ging noch nicht so gut und ich hatte verschiedene Boyfriends, aber das war nichts Ernstes und er war deswegen sicher besorgt. Und er hat meinen Mann nie gekannt, ich habe ihn erst später getroffen. Er hat es mir zu meinem Geburtstag geschrieben, bevor er starb, da war ich 25. Ja, er wollte, dass ich glücklich werde. Das habe ich ja auch getan, nicht?

Was heißt das für Sie, Glücklichsein?

Also ich war 52 Jahre sehr glücklich verheiratet. Glücklichsein – das ist eine Arbeit machen, die man liebt. Das ist der größte Trost, auch wenn man allein ist, da kann man alles überwinden, oder beinahe alles. Und wenn man auf der Straße geht, und man sieht plötzlich zufällig seinen Mann, und man ist glücklich – das ist Glücklichsein. Es muss schrecklich sein für Menschen, die am Ende das Tages nach Hause gehen und eigentlich gar nicht so gerne dahin wollen. … Wissen Sie, ich kenne jetzt so viele Witwen, die sagen sehr oft, ja der Frank hat immer soundso gesagt oder würde soundso sagen. Ich konnte nie wissen, was mein Mann sagen würde. Das war viel interessanter (lacht).

Noch Mal zurück zu Ihrem Vater: Kann es sein, dass Sie nicht genug Zeit mit ihrem Vater hatten, weil er gestorben ist, als Sie eine junge Frau waren?

Ich habe ihn sehr geliebt und er hat mir schrecklich gefehlt, als er starb.  Wir haben so viel miteinander gesprochen und ich denke oft an ihn. Ich kann jetzt immer noch ein Gespräch in meinem Kopf mit ihm führen. Aber ich hab nicht das Gefühl, dass wir  zu wenig Zeit hatten. Es war sehr gut, so wie es war.

Wenn Kinder heute ihre Bücher lesen und etwas über Ihr Leben und Ihr Schicksal erfahren, was können die jetzt noch davon lernen?

Die brauchen gar nichts davon zu lernen, das ist schrecklich, dass sie immer etwas lernen sollen…Ich hab das geschrieben, weil ich meinen Kindern erzählen wollte, wie das damals war. Wissen Sie, ich hab nie über Hitler schreiben wollen, ich wollte über meine Familie schreiben. Hitler war eben da. Also ich sprach mit meinem Mann darüber und ich hab gesagt, ich will doch darüber schreiben, wie das in diesen verschiedenen Ländern war. Und er hat gesagt: ‚Ja aber Hitler!’ Er sagte: ‚Hitler muss auf der ersten Seite stehen.’ Ich hab ihn auf die zweite Seite gebracht. Hitler war der Grund für alles, nicht wahr? Alles, was mir und meiner Familie geschehen ist, war von Hitler beeinflusst. Wir waren sehr eng miteinander verbunden in unserer Familie. Wenn man auf der Flucht ist, dann ist die Familie wie eine Insel, und die Gefühle sind viel stärker.

Wie geht es ihnen heute?

Ich arbeite und das ist ein Riesenglück, wenn ich nicht arbeiten könnte, wäre ich unglücklich. Aber: Ich bin ja so glücklich gewesen, dass man sich wirklich nicht beklagen kann. Ich habe gute Freunde und ich arbeite.

Was arbeiten Sie?

Ich mache ein neues Kinderbuch, ich zeichne.

Interview Regine Bruckmann

Bücher von Judith Kerr in Deutschland:

ROSA_KANINCHEN„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl: eine jüdische Familie auf der Flucht, Bd. 1-3“, Ravensburger 2013, € 9,95 12-17 Jahre

KATER_MOG„Mog, der vergessliche Kater“, Ravensburger Kinderklassiker 2013, € 10,00, ab 3 Jahren

„Ein Tiger kommt zum Tee“, Ravensburger 1979, auf Deutsch nur noch gebraucht erhältlich

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