„Elefantenwinter“ von Michael Mopurgo


elefantenwinter_coverDas Mädchen Elisabeth und ihr kleiner Bruder Karli leben mit ihren Eltern in der schönen Stadt Dresden. Sie machen Picknick auf den Elbwiesen und bauen Baumhäuser, in denen sie auch übernachten dürfen. Karli hat ein Bein, das ein wenig zu kurz geraten ist, und es sind  Kriegszeiten. Trotzdem erleben sie eine glückliche Kindheit – bis zu der Nacht, in der die alliierten Flugzeuge Dresden bombardieren.

„Als ich einmal zurückblickte, – obwohl ich mir Mühe gab, es nicht zu tun – war Dresden keine Stadt mehr. Es glich eher einem riesigen Scheiterhaufen, in dem sich ein Brand mit dem nächsten vereinte. Ein gewaltiges Feuer, angefacht von dem mächtigen Wind, der uns ins Gesicht schlug und mit allen Mittel versuchte, uns an der Flucht zu hindern und zurück in die Stadt zu treiben. Um uns herum drückende Hitze und der Gestank nach Rauch. (…) Und immer noch kamen Flieger. Immer noch warfen sie ihre Bomben ab. Es war die längste Nacht meines Lebens. Noch nie zuvor hatte ich so großes Elend gesehen.“

Der englische Autor Michael Morpurgo hat schon viele Bücher für Kinder und Jugendliche über den zweiten Weltkrieg geschrieben, aber noch nie eines, das die Geschichte von Krieg und Vertreibung aus deutscher Perspektive beschreibt. Und vor allem einem englischen Lesepublikum erzählt er nebenbei, dass es auch Deutsche gab, die gegen die Politik Hitlers waren. Eine Gräfin z.B. öffnet ihr Gutshaus für die Flüchtlinge, ihr Mann war Widerstandskämpfer gegen Hitler.

Mopurgos Heldin Elisabeth erzählt ihre Lebensgeschichte rückblickend aus Kanada, wo sie heute lebt. Längst sind alle gestorben, die sie kannte, aber in ihrem Pflegeheim lernt sie einen kleinen Jungen kennen, der denselben Namen trägt wie ihr Bruder: Karl. Mit ihm kann sie all ihre Erinnerungen teilen; er ist der einzige, der ihr glaubt, als sie von der Elefantendame Marlene erzählt.

Marlene ist ein Elefant im Dresdner Zoos und als solche bei einem Luftangriff besonders gefährdet: Sollen doch alle großen Tiere, die durch einen Angriff befreit werden und frei in der Stadt herum laufen könnten, erschossen werden. So nimmt Elisabeths Mutter, die Tierpflegerin, die Elefantendame Marlene mit auf die Flucht und eine ungewöhnliche Reise beginnt – mitten im Winter zu Fuß auf dem weiten Weg nach Westen, nah gefolgt vor den vorrückenden Russen.

Die Begegnung mit Peter, einem abgeschossenen kanadischen Bomberpiloten, verändert für das junge Mädchen Elisabeth alles und nur Marlene kann sie ihren Kummer anvertrauen:

« Ich saß da, heulte Rotz und Wasser und erzählte einem Elefanten, wohl gemerkt einem Elefanten!, dass ich mich in diesen Mann verliebt hätte – in diesen feindlichen Flieger, den ich noch nicht einmal 24 Stunden kannte-, und dass ich genau wüsste, dass ich ihn bis an mein Lebensende lieben würde. Das hört sich lächerlich an, aber genauso empfand ich.“

Michael Mopurgo holt aus den Erinnerungen der alten Dame eine intensive Gegenwart hervor: Er berichtet vom Schicksal der deutschen Flüchtlinge am Ende des Zweiten Weltkriegs, berichtet von den die unvorstellbaren Mühen der endlosen Nachtwanderungen durch Eis und Schnee, aber auch von der ersten Verliebtheit, die das junge Mädchen Elisabeth erlebt. Und von der Freundschaft zu der geretteten Elefantendame Marlene. Sie steht für die Kraft des Willens zum Leben und Überleben; nie verlieren die Protagonisten ihren Mut und so ist diese Geschichte trotz der vielen schwierigen und traurigen Umstände auch gut geeignet für junge Leser. Lebendiger Geschichtsunterricht!

Michael Mopurgo, Elefantenwinter, Aladin Verlag 2013, 12,90 €, ab 11 Jahren

 Regine Bruckmann

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