„Schwarze Häuser“ – Interview mit Sabine und Emma Ludwig zu ihrem neuen Kinderbuch


Sabine+EmmaDer Strahl des Leuchtturms

Sabine Ludwig erzählt in ihren Büchern oft lustige Geschichten, in denen eine Lehrerin geschrumpft wird oder zaubern kann. Aber das neue Buch „Die schwarzen Häuser“ hat einen sehr ernsten, realistischen Hintergrund: Vier Mädchen werden in den sechziger Jahren zur Kur an die Nordsee geschickt. Aber anstatt schöner Ferientage erwartet sie ein striktes Reglement und drakonische Strafen. Die bekannte Berliner Kinderbuchautorin konnte auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, auch sie hat als Kind so genannte ‚Ferien’ in einem Kinderheim auf einer Nordsee-Insel verbracht. Zur ganz persönlichen Familiensache wurde das Projekt dann, weil zum ersten Mal ihre Tochter Emma beteiligt war und die Vignetten für das Buch gezeichnet hat.

In ihrem Buch passieren schlimme Dinge. Z.B. werden die Kinder gezwungen, ihre Mahlzeiten auf zu essen, auch wenn sie verdorben sind. Ist das eine Genre-Geschichte in der Art von „Oliver Twist“?

Sabine Ludwig: Diese Art Bücher habe ich als Kind sehr gern gelesen, am liebsten Geschichten, in denen es anderen so richtig schlecht ging.  Aber leider ging es mir auch so richtig schlecht. Das Buch ist sehr autobiografisch. Ich habe aber nicht mich, sondern eine fiktive Figur, das Mädchen Uli, in den Vordergrund gestellt, um das Ganze ein bisschen zu entschärfen.

In welcher Figur steckt am meisten von Ihnen?

Sabine Ludwig: Das ist am ehesten Elfriede, genannt Fritze, der es ja auch besonders schlecht geht. Sie ist ein eher unangepasster Charakter, ein Mädchen, das ­– aus damaliger Sicht – nicht aus geregelten Verhältnissen kam, weil die Eltern Künstler waren und unkonventioneller gelebt haben.

Haben Sie für das Buch auch mit anderen Betroffen gesprochen?

Sabine Ludwig: Ja, mit vielen Menschen, die heute zwischen 50 und 70 Jahre alt sind. Was die erzählen, das mag man gar nicht glauben. Das ist ein Kapitel der Nachkriegsgeschichte, das man noch mal genaue anschauen müsste. Diese Verschickung in Kinderheime gab es allerdings nur in West-Deutschland. Wie sadistisch die Kinder dort behandelt wurden, das geht ins Bodenlose.

Aber sie schreiben, die Jungen wurden gegenüber den Mädchen bevorzugt?

Sabine Ludwig: Die Jungen hatten auch Heimweh, aber der Sadismus von diesen Tanten oder Schwestern hat sich vor allen Dingen auf die Mädchen konzentriert. Es war genauso, wie ich in dem Buch schreibe: Wir Mädchen bekamen eine ungenießbare, vergorene Milchsuppe zum Frühstück und die Jungen ganz normal Brötchen mit Marmelade. Ich glaub, das lag einfach daran, dass das Personal weiblich war. Denen machte es anscheinend besonderen Spaß, die Mädchen zu quälen. Oder die Jungen galten einfach als das wertvollere Geschlecht.

Konnten Sie Ihren Eltern davon erzählen?

Sabine Ludwig: Nein, erstmal nicht. Die Briefe der Kinder an die Eltern wurden gelesen und zensiert. Ich hab die Briefe alle noch und dazu die Kommentare von den ’Tanten’: ‚Sabine hat heute noch nicht geweint’ – das war natürlich gelogen.

Ich wusste aber vorher, dass man nicht schreiben darf, wie es wirklich ist. Ich hatte deshalb mit meinem Vater vereinbart: Wenn es mir gut geht, male ich ein Haus mit Buntstiften, und wenn es mir schlecht geht, eins mit Bleistiften. Ich habe wie Fritze in dem Buch immer viele schwarze Häuser in meine Briefe gemalt.

Warum wollten Sie diese Geschichte erzählen?

Sabine Ludwig: Sie hat mich mein Leben lang nicht losgelassen. Als ich meine Tochter zum Beispiel zum ersten Mal im Kindergarten brachte, komme ich herein und sehe die Bänke, unter denen die kleinen Schuhchen stehen und die Mäntelchen, die drüber hängen und es riecht nach angebrannter Milch. Ich habe sofort angefangen zu weinen, weil ich wieder in der Situation war wie damals im Kinderheim. Ich konnte überhaupt nichts dagegen tun.

Wie ist es Ihnen als Tochter ergangen, das Buch zu lesen?

Emma Ludwig: Es gab ein paar Stellen, wo ich auch selbst anfing zu weinen. Ich hab an meine Mutter gedacht und an mich als Kind – wie behütet ich war! Durch das Lesen hat mich die Geschichte noch viel mehr berührt hat, als durch die Erzählung, die ich von meiner Mutter schon kannte und hab sie erst da richtig verstanden.

Sie haben bei diesem Buch zum ersten Mal zusammen gearbeitet, Mutter Sabine Ludwig als Autorin, Tochter Emma Ludwig als Illustratorin. Wie hat das funktioniert?

Emma Ludwig: Das Konfliktpotential war überraschend gering (lacht), was ich nicht gedacht hätte…

Sabine Ludwig: …das war eine unglaublich professionelle und angenehme Zusammenarbeit. Ich hatte auch ein bisschen Angst, weil wir uns sehr viel und sehr heftig streiten, normalerweise – (Emma): Ja. – (Sabine): Ja. ­– Aber da haben wir uns wirklich nicht einmal gestritten. (Emma): Oh Wunder!

Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Sabine Ludwig: Emma hatte drei, vier Skizzen gemacht. Als ich beim Verlag war, wollte ich die eigentlich zeigen, aber ich habe mich nicht getraut. Ich dachte, dass ist doch peinlich, wenn ich sage: ‚Schauen Sie mal, meine Tochter, kann die nicht hübsch zeichnen?’ Fünf Minuten, bevor ich meinen Zug bekommen musste, hab ich gesagt: ‚Hier! Wie finden Sie diese Vignetten?’ und dann sagten die: ’Ja, sehr schön, wer hat die gemacht?’ So ist das entstanden. Und sie hat einen richtigen Vertrag bekommen.

…ein Familienprojekt, passend zu dem sehr persönlichen Thema?

Sabine Ludwig: Wir sind gemeinsam nach Borkum gefahren, Emma hat wahnsinnig viele Fotos gemacht. Die Fotos waren sehr wichtig für mich, ich war sofort wieder in dieser Stimmung, der Strand und die düstere Atmosphäre, wie vor 50 Jahren. So haben mich ihre Fotos beim Schreiben unterstützt.

Als ich eine Wohnung auf Borkum gesucht habe, habe ich festgestellt, dass das alte Kinderheim ganz neu zu einem Apartmenthaus umgebaut worden war. Ich habe gezielt das Zimmer gesucht, in dem der Strahl des Leuchtturms nachts immer über mein Bett gekreist war. In diesem Zimmer haben wir gewohnt, das war wie eine Zeitreise.

Haben Sie inspiriert durch die Geschichten Ihrer Mutter schon früher gezeichnet?

Emma Ludwig: Ich habe schon als Kind sehr viel gezeichnet, auch unabhängig von meiner Mutter. Durch die Schule habe ich damit aufgehört, ich hatte außerordentliches Pech mit meinen Kunstlehrerinnen. Das kindliche Selbstvertrauen ging mir irgendwann verloren. Wahrscheinlich muss ich das wieder finden. Ich zeichne eigentlich immer nur so für mich. Es war ein großer Schritt für mich, meine Bilder jetzt zu veröffentlichen.

Was bedeutet das Schreiben für Sie?

Sabine Ludwig: Ich habe mir immer Geschichten ausgedacht. Als Kind habe ich mir in der Schule damit Pausenbrote verdient – eine spannende Geschichte gegen ein Butterbrötchen. Im Kinderheim habe ich mich dadurch gerettet, dass ich mir Geschichten ausgedacht habe. Ich sah mich selbst als Soldat an der Front. Und die Schwestern waren die Feinde, gegen die ich kämpfen musste. Geschichten erzählen, um sich zu retten – das hat sich durch mein ganzes Leben gezogen.

In dem Buch erzählt Fritze den anderen Kindern abends ja auch eine Geschichte. Die ist ziemlich grausam: Einer Prinzessin werden nach und nach alle Sinne geraubt, nur weil sie immer wieder das Meer sehen will und zu den schwarzen Häusern am Strand geht.

Sabine Ludwig: An dem Märchen habe ich lange gearbeitet. Ich wollte, dass es wie ein klassisches Märchen funktioniert. Gleichzeitig sollte es das widerspiegeln, was die Mädchen erleben und ihnen helfen, damit umzugehen. Ich glaube, das ist ganz gut gelungen. Ich bin ziemlich stolz darauf.

Sie erzählen eine ziemlich traurige Geschichte. Was glauben Sie, warum will man trotzdem immer weiter lesen?

Sabine Ludwig: Ich glaube, das liegt daran, dass man diese vier Mädchen kennen lernt. Sie sind alle sehr unterschiedlich und auf ihre Art liebenswert. Und dann wollen wir auch wissen als Leser: Werden sie siegen oder untergehen? Das ist es doch, warum wir lesen. Wir wollen mitfühlen mit den Hauptfiguren und wir wollen am Ende sehen, dass sie den Sieg davontragen.

Hatten Sie Skrupel, diese Geschichte für Kinder erzählen?

Sabine Ludwig: Ich wollte das Buch erst für Erwachsene schreiben, aber dann habe ich gedacht: Warum eigentlich? Ich war 10 Jahre alt und ich möchte die Geschichte für Kinder erzählen, die so alt sind, wie ich es damals war. Fantasy-Geschichten sind oft so brutal, aber wenn als nächstes ein Einhorn um die Ecke biegt, finden alle das ok.

Es gibt viele Details in ihrem Buch, die die damalige Zeit beschreiben: z.B. Algemarinbäder und Blockmalzbonbons. Haben Sie viel recherchiert?

Sabine Ludwig: Das musste ich gar nicht. Während des Schreibens kamen sofort die ganzen Bilder wieder. Mir war wichtig: Wenn ich über diese Zeit schreibe, über die Mitte der sechziger Jahre, dann sollen die Leser auch den Geschmack dieser Zeit erfahren. Ich hoffe, dass das ganz selbstverständlich rüber kommt. Auf keinen Fall verfolge ich pädagogische Absichten. Ich möchte unterhalten. Auch mit diesem Buch.

Interview: Regine Bruckmann

 Sabine Ludwig, Schwarze Häuser, mit Vignetten von Emma Ludwig, Dressler 2014, ab 10 Jahren, 14,99 €

http://www.dressler-verlag.de/buecher/specials/schwarze-haeuser.html

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2 Gedanken zu „„Schwarze Häuser“ – Interview mit Sabine und Emma Ludwig zu ihrem neuen Kinderbuch

  1. zu „Schwarze Häuser“ – ich kam ca. 1965 in den Harz nach Bad Sachsa mit 10 Jahren zur Kur. Die gruselige Milchsuppe mit unappetitlichen Rosinen habe ich noch in „bester“ Erinnerung. Auch die Briefzensur: ich musste meinen Brief mit „heute gab es eine ekelige Suppe“ ändern. Da fiel mir ein zu schreiben: „heute schmeckte mir die Suppe mit den vielen Rosinen gar nicht“. – Da ich bis zur Einschulung Heimkind war, war ich schlimmeres gewohnt. Die „Tanten“ von Bad Sachsa hielt ich für primitiv und einfallslos. Das war meine innere Rettung.
    mein online-buch: http://www.annianders.wordpress.com
    http://www.annianders2.wordpress.com

    Der Schaden an der Seele bleibt lange. Dass die alten Bilder wieder aufscheinen, sobald man in einem Kindergarten steht – ja, das kenne ich. – danke für das Buch.
    Lieben Gruß

  2. zu “ Schwarze Häuser“
    hier mal ein positiver Erfahrungsberich:
    Ich war im Jahr 1957 sechs Wochen in einem Kinderheim auf Borkum. Ich war sieben Jahre alt -wir waren nur Mädchen – und ich habe nur schöne Erinnerungen an diese Zeit. Ja – es gab auch mal Essen, das ich nicht mochte – aber keinerlei Zwang es trotzdem zu essen. Die „Tanten“ wie sie damals genannt wurden waren freundlich und liebevoll, es war, nachdem ich einige Tage von Heimweh geplagt war – eine sehr schöne Zeit für uns Kinder.

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