„Der kleine Fischer Tong“ von Chen Jianghong


Der_kleine_Fischer_TongWie jeden Morgen fährt der kleine Fischer Tong hinaus auf das Meer. Er will Fische fangen, doch die Wolken ballen sich dunkel am Himmel zusammen und Tong denkt an die Warnung seines Vaters: „Geh nie auf’s Meer hinaus, wenn die Wolken schwarz wie Ruß sind und die Vögel sich an Land flüchten“. Aber Tong achtet nicht darauf. Und dann hat er auf einmal einen besonders schweren Fang an der Leine…

„Die Wellen waren hoch wie Berge, aber Tong ließ seine Angelschnur nicht los. Er zog, bis er völlig außer Atem war. Plötzlich brach eine Riesenwelle über ihm zusammen und Tong schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, stieß er einen Schrei aus.“

Tong hat einen besonderen Fang gemacht: Am Ende seiner Angelschnur hängt ein Skelett. Voller Angst rudert er nach Hause. Aber das unheimliche Skelett hat ein Eigenleben und verfolgt ihn bis zum Eingang seiner Hütte. Tong wird ohnmächtig vor Schreck und nun nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung: Fürsorglich und zärtlich kümmert sich der Knochenmann um Tong und bringt ihn ins Bett. Der Bann ist gebrochen: Als Tong wieder erwacht, hat er keine Angst mehr vor dem seltsamen Besucher, sondern gibt ihm seine eigene Bettdecke und sein letztes Essen…FISCHE_Henriette1-2

„Der kleine Fischer Tong“ ist ein bildmächtiges und hoch emotionales Buch. Die expressiven Tuschezeichnungen korrespondieren zum inneren Zustand der Figuren: Zeigt sich die Umwelt zunächst bedrohlich und aufgewühlten in düsterem Schwarzweiß, (offensichtlich stand „Die große Welle von Kanagawana“ von Katsushika Hokusai Pate für die Darstellung des stürmischen Wasser-Elements) färbt sie sich allmählich ein, präsentiert sich endlich ruhig und friedlich in warmem Licht. Kinder können die Geschichte von archaischer, märchenhafter Kraft auf der Text- ebenso wie auf der Bildebene erfahren. Tong sucht das Risiko, fordert sein Leben heraus, indem er sich über die Regeln des Vaters hinweg setzt. In dieser Prüfung erweist er sich als so mutig, wie er es eben kann. Und es zeigt sich: Er braucht die Fürsorge eines möglichen Vaters ebenso wie dieser. Tong wird erwachsen, ohne seine Bedürftigkeit verstecken zu müssen. Eine Herzensreise steckt in diesem wunderbaren Buch. Spannung und Grusel dienen keinem Selbstzweck, sondern erwachsen als Herausforderung aus der Logik der Geschichte. Wie es ist, sich mit Mut und quasi parsifalschem Mitleid der Herausforderung zustellen, können Kinder im passenden Alter aus diesem Buch nicht nur lernen, sondern in der Beschäftigung mit Geschichte und Bildern erleben.

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Und das sagen die Kinder des Leseclubs des Königin-Luise-Stiftes dazu:

„Die Geschichte war traurig und fröhlich und schön. Und hatte ein gutes Ende. Erst hat das Skelett dem Jungen Angst gemacht, aber dann haben sie sich gut verstanden. Das Schöne daran ist, dass das Skelett jetzt wie ein Vater für den Jungen ist. Das Skelett war ja auch traurig und einsam und lieb. Wahrscheinlich hatte es das Problem, dass sich nicht so viele um es gekümmert haben. Jetzt ist es nicht mehr einsam, weil es Tong hat. Und Tong ist auch nicht mehr einsam. Das Buch war erst so dunkel gemalt und wurde dann immer heller.

Doof ist, dass man nicht genau weiß, ob das Skelett Tongs Vater ist. Wenn wir was verändern könnten, dann sollte das Skelett auf jeden Fall Tongs Vater sein. Und wir möchten noch mehr wissen von der Geschichte des Skeletts, z.B. wie sein Sohn hieß.

Die Bilder haben uns alle gut gefallen. Besonders schön fanden wir das, wo das Skelett schon ein Mann ist und den Jungen umarmt. Und das Bild mit den vielen bunten Fischen. Wir empfehlen das Buch Kindern von 5 bis 8 Jahren. Für kleinere Kinder ist es vielleicht zu gruselig.“

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Henriette hat, während sie die Geschichte gehört hat, auch viele bunte Fische gemalt, die seht ihr auf dieser Seite.

 

Chen Jianhong ist chinesischer Herkunft, lebt seit 1987 in Paris und hat viele internationale Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis 2005 für „Han Gan und das Wunderpferd“. FISCHE_Henriette1-9

Regine Bruckmann und die Kinder Henriette, Vincent, Lamice, Alma, Lilith, Isabel, Sophie, Alessandro

Chen Jianghong, (aus dem Französischen von Tobias Scheffel), Der kleine Fischer Tong,  Originaltitel Le petit pêcheur et le squelette, Moritz Verlag 2014, € 18, ab 6 Jahren

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