Noch mehr Lesetipps für die Ferien: Anna Shinodas Erstling „Die Mitte von allem“, Roddy Doyles Wirtschaftsparabel „Alles super!“ und das fabelhafte „Tagebuch einer Killerkatze“


Mitte_von_allemDer Sommer könnte so schön sein. Die 16jährige Clare ist eine gute Schwimmerin und in diesem Jahr hat sie einen Ferienjob als Rettungsschwimmerin am See. Alle ihre Freunde treffen sich dort. Aber etwas wirft einen Schatten auf diese Zeit: Clares Bruder Luke sitzt im Gefängnis. ‚Er war zur falschen Zeit am falschen Ort’, sagt die Mutter als Erklärung. Clare liebt ihren älteren Bruder über alles, er war es, der ihr das Schwimmen beibrachte. Aber es gibt eine dunkle Erinnerung aus ihrer Kindheit, die immer wiederkommt und die sie nicht zu enden denken will…

„Die Glasscheibe der Haustür war zerbrochen. (…) einen Augenblick lang starrte ich auf die zackigen Splitter im Rahmen, dann drehte ich den Türknauf und ging hinein. (…) Die Tropfen auf dem Linoleumboden waren rund. Ich hätte nie gedacht, dass man ohne einen Zirkel vollkommen runde Kreise machen könnte. Aber da waren sie, direkt vor mir, leuchtend rote Tropfen. Mom sagte immer, wir hätten dünnes Blut. Deshalb wusste ich sofort, dass es einer von uns war.“

Als Luke aus dem Gefängnis entlassen wird, fassen seine Eltern ihn mit Samthandschuhen an; sie hoffen, dass er wieder im normalen Leben Fuß fassen kann. Peter, der zweite Bruder, hat als einziger in der Familie eine andere Meinung über den angeblich so netten Luke:

„Luke“, blaffte Peter. „Luke ist nicht da und ich bin nicht wie er.“ – „Ich wünschte, er wäre es. Zumindest weiß er, wie man ein guter und hilfsbereiter Bruder ist.“ – „Wenn Luke das ist, was du dir unter einem guten, hilfsbereiten Bruder vorstellst, dann bist du total durchgeknallt.“

Der Roman „Die Mitte von allem“ ist die Geschichte einer Entzauberung. Clare stellt sich ihren Erinnerungen und lässt zu, dass sich nach und nach ein ganz anderes Bild ihres älteren Bruders Luke ergibt – das Bild eines verantwortungslosen Süchtigen, der die eigene Familie belügt und betrügt, und der nicht davor zurück schreckt, die Ersparnisse der kleinen Schwester zu klauen.

Die junge kanadische Autorin Anna Shinoda erzählt ihre Geschichte mit vielen Rückblenden auf verschiedene Zeitebenen, behält aber den roten Faden in der Hand und so entsteht ein komplexes Gewebe aus Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen, in dessen Mittelpunkt die Heldin Clare mit ihrem eher unspektakulären Leben und ihren Träumen steht. Sie wird in den Ereignissen dieses Sommers erwachsen und lernt, dass es am Ende nicht um ihren Bruder Luke geht, sondern um sie selbst, denn sie ist es – „Die Mitte von allem“. Ein auch sprachlich starker Debütroman für junge Menschen, nicht nur für Mädchen, ab 14 Jahren.

„Alles Super!“ – so hat der bekannte irische Autor Roddy Doyle sein neuestes KinderbuchAlles-super_xl genannt, aber was er beschreibt, ist natürlich überhaupt nicht super. Es geht um die Wirtschaftskrise in der irischen Hauptstadt Dublin und ihre Auswirkungen auf die Menschen. Doyle hat für diesen Zustand ein Bild gefunden, das die Geschwister Gloria und Raymond in der Geschichte ganz wörtlich nehmen, nämlich den „schwarzen Hund der Depression“:

„Es machte ihnen Angst. (…) Der schwarze Hund der Depression war auf keinen Fall ein freundlicher Hund, und er war ihrem Onkel auf den Rücken gesprungen. Sie wussten nicht, was der Schwarze Hund dort getan hatte – vielleicht hatte er ihn mit seiner schrecklichen Zunge abgeleckt oder ihm schreckliche Dinge ins Ohr geflüstert. Sie wussten es nicht. Sie hatten gerade erst von ihm erfahren.“

„Der schwarze Hund der Depression ist Ben auf den Rücken gesprungen“ – so beschreibt die Großmutter in der Geschichte, was mit Onkel Ben passiert ist, weil er sein Malergeschäft aufgeben musste. In der Nacht schleichen die Kinder sich heraus, um Dublin von dem so genannten ‚Schwarzen Hund’ zu befreien und ihrem Onkel Ben sein „Narrenbein“ – noch so ein Wort der Großmutter – zurückzubringen. Damit er wieder lachen kann. In den dunklen Straßen Dublins begegnen sie vielen anderen Kindern, die in gleicher Mission unterwegs sind.

Roddy Doyle wagt ein schriftstellerisches Experiment, indem er nach dem realistischen, gewohnt humorvollen ersten Drittel des Buches in eine Parabel wechselt: Die Kinder in der Geschichte jagen nun den anscheinend wirklich existierenden ‚Schwarzen Hund’, was sehr aufregend und teilweise auch unheimlich zu lesen ist. Und sie finden ein Wundermittel, um ihn zu bekämpfen:

„Super“, sagte Gloria, und das Wort erschien blitzartig über ihren Köpfen und erfüllte den Durchgang mit sanftem gelben Leuchten. Sie war verblüfft, aber doch nicht wirklich überrascht.“

„Super,“ so heißt es, ist nämlich das am meisten verwandte Wort in Dublin, nur wird es überwiegend ironisch gebraucht. Gloria und Raymond gebrauchen es nicht ironisch, „super super super“ sagen sie immer wieder und nehmen dem Hund dadurch am Ende seine Kraft. Wie gesagt, ein Experiment, die Parabelhaftigkeit wird vielleicht nicht allen Lesern behagen, aber Autor Roddy Doyle hat eine große Botschaft in eine spannende Geschichte verpackt: Die Kinder verfügen über genug Kraft, Mut und Optimismus, um sich von dunklen Gefühlen nicht unterkriegen zu lassen. Sie verjagen den ‚Schwarzen Hund’ und helfen so auch den Erwachsenen. „Alles Super“ wird empfohlen ab 8, ist aber bei erfahrenen Selbstlesern um die 10 Jahre besser aufgehoben.

Tagebuch_einer_KillerkatzeRichtig lustig wird es dagegen in einer Geschichte in der es nicht um Hunde, sondern um Katzen geht: Das „Tagebuch einer Killerkatze“ von der britischen Autorin Anne Fine.

Kuschel ist eine Katze, die Löcher ins Blumenbeet buddelt und tote Mäuse anschleppt. Und außerdem ist sie eine begnadete Erzählerin ihrer eigenen Geschichte:

„Okay okay hängt mich ruhig auf! Ja, ich habe den Vogel getötet. Du lieber Himmel, ich bin nun mal eine Katze!“

Ihre Besitzerin, das Mädchen Ellie, bricht aber jedes Mal in Tränen aus, wenn Kuschel ihre Beute ins Haus schleppt. Und irgendwann ist das Maß voll: Dreckig, aber insgesamt gut erhalten liegt Hoppel, der Hase der Nachbarsfamilie, tot in der Küche. Den Eltern ist das so peinlich, dass sie versuchen, die erneute Missetat ihrer Katze vor den Nachbarn verbergen: Es muss doch gelingen, Hoppel mit Hilfe von warmen Wasser, Seife und Fön wieder ganz lebendig aussehen zu lassen…

Die britische Autorin Anne Fine hat unzählige Kinderbücher geschrieben, für ihren Witz und ihre Intelligenz wurden ihre Geschichten in England mehrfach ausgezeichnet. Axel Scheffler, der Schöpfer des berühmten „Grüffelo“, hat für diese Neuausgabe bunte Bilder gezeichnet, in denen vor allem die Blicke zwischen den Personen Bände sprechen: Vorwurfsvoll, empört, ratlos, todtraurig – das ganze Drama in wenigen Strichen. „Tagebuch einer Killerkatze“ ist eine herrlich absurde Episode aus dem Alltag von Familien und Katzenbesitzern und wird Tierfreunden ab 6 Jahren – am besten laut vorgelesen – viel Freude bereiten. Regine Bruckmann

Anna Shinoda, Die Mitte von allem, Magellan 2015, (“Learning Not To Drown”, aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis) € 17,95, ab 15 Jahren

Roddy Doyle, Alles super, cbj Verlag 2015, ( „Brilliant“, aus dem Englischen von Bettina Obrecht), ab 8 Jahren, € 12,99

Anne Fine / Axel Scheffler, Tagebuch einer Killerkatze, („The Diary of a Killercat“, aus dem Englischen von Barbara Heller) Moritz Verlag 2015, ab 6 Jahren, € 9,95

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