„In meinem Kopf gibt es nur Sommer und Landleben.“ – Sven Nordqvist wird 70! Ein Gespräch mit dem berühmten Schöpfer von „Petterson und Findus“


Nordqvist_BilderreiseSven Nordqvist ist ein hochgewachsener, schmaler Mann mit eindringlichem Blick und einer leisen, zurückhaltenden Art. An der Kunsthochschule wird er als junger Mann nicht aufgenommen, also studiert Nordqvist Architektur. Er arbeitet als Werbetexter und Grafiker, sein Geld verdiente er bald mit Gruß- und Weihnachtspostkarten. Den Kinderbuchmarkt hält er für besetzt, er hat keine Ahnung, wie er dort hineinkommen soll. Aber dann gewinnt er 1982 einen Bilderbuch-Wettbewerb und ein Jahr später entsteht das erste Buch von Petterson, der auf schwedisch „Pettson“ heißt, und seinem Kater Findus.

Frage: Es hat in Ihrem beruflichen Leben eine Weile gedauert, bevor Sie angefangen haben, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Warum?

Ich habe als freier Mitarbeiter für ein Werbestudio gearbeitet, später habe ich Illustrationen für Schulbücher gemacht. Aber ich wusste nicht, wie ich in die Welt der Kinderbücher hineinkommen sollte. Ich hielt sie auch für besetzt von vielen sehr fähigen Illustratoren. Aber dann habe ich einen Kinderbuchwettbewerb gewonnen und ich konnte anfangen, mich diesem Gebiet intensiv zu widmen.

Das war anscheinend etwas, auf das ich gewartet hatte. Es fühlte sich für mich so an. Ich wollte z.B. mit Farbe arbeiten, das hatte ich bis dahin nicht viel gemacht. Und ich wollte meine Fantasie benutzen und lustige Bilder machen und so etwas –  also, der Humor und die Fantasie waren für mich neu und damit wollte ich arbeiten.

Frage: Ich habe mit Kindern gesprochen, die mir erzählt haben, wie sehr sie Ihre Geschichten lieben. Wussten, dass Ihre Geschichten den Kindern so gut gefallen würden?

Ich fühle mich immer noch nicht wie ein Schriftsteller. Ich habe die erste Geschichte nur geschrieben, weil ich niemanden kannte, der es hätte machen können. So habe ich angefangen, aber eigentlich wollte ich immer nur die Bilder malen.

Ich glaube, ich habe mir nicht viele Gedanken gemacht am Anfang. Ich kannte ja gar keine Kinder zu diesem Zeitpunkt. Mein erster Sohn war gerade geboren, als ich meine erstes Petterson-Buch geschrieben habe. Also wusste ich gar nicht, wie Kinder sich verhalten. Aber nach ein paar Jahren habe ich angefangen, Findus als Kind zu sehen. Wie denkt es? Und was mag es? Wie ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern? Diese Überlegungen spielten immer mehr eine Rolle.

Frage: Wie sind Sie überhaupt auf das Paar Petterson und Findus gekommen?

Ich habe gar nicht mit der Idee von den beiden Figuren angefangen. Die erste Geschichte, „Eine Geburtstagstorte für die Katze“, handelte davon, was passiert, wenn du versucht, eine Sache zu erledigen. Oft musst du zuerst etwas Anderes erledigen. Aber bevor du das Zweite tun kannst, kommt noch etwas Drittes. Und so weiter. Und dann musst du dahin zurückgehen, wo du angefangen hast. Das war die Geschichte. Das war die Geschichte und Petterson war nichts Besonderes, sondern nur ein alter Mann. Aber er wollte jemanden haben, mit dem er sprechen konnte, und so gab ich ihm die Katze.

Nach ein paar Jahren und einigen Büchern war mein Sohn älter geworden, und ich konnte beobachten, wie er sich verhielt und wie er dachte, wenn ich an Findus arbeitete. Also begann Findus wie ein Kind zu reden und wie ein Mensch zu denken. Er war nur dann eine Katze, wenn es sein musste.

Aber ich war immer unsicher, ob die Texte auch gut waren. Ich freue mich immer sehr, wenn jemand sagt, dass ihm auch die Geschichte gut gefällt, nicht nur die Bilder. Und es scheint ja zu funktionieren: „Petterson und Findus“ ist ja auch als Hörbuch sehr erfolgreich.

Frage: Warum ist Findus eine Katze? Könnte er nicht auch eine Kuh oder ein Schaf sein oder ein Schwein sein?

Ja natürlich. Wahscheinlich ist er eine Katze, weil ich Katzen so gern mag. Ich hatte immer Katzen, schon bevor ich eine Frau hatte!

Frage: Wieviel Petterson steckt in seinem Schöpfer Sven Nordqvist?

Wahrscheinlich eine ganze Menge. Ich wollte mit Petterson keinen besonderen Charakter schaffen, sondern habe mir einfach überlegt, wie würde ich mich in einer solchen Situation verhalten. Und so wurde er mir vielleicht wirklich ähnlich, ohne dass ich es beabsichtig hatte. Meine Frau hat bei den ersten Büchern oft gesagt, dass wir uns sehr ähnlich sind.

Frage: Haben Sie selbst auf auf dem Land gelebt?

Ja, 16 Jahre lang, als die Kinder klein waren. Als das erste Buch entstand, hatten wir ein Haus in Frankreich und da gab es Täler und Berge, wie auf dem allerersten Bild in „Eine Geburtstagstorte für die Katze“. Ich denke, es ist davon inspiriert. Andererseits erinnert die Landschaft in den Büchern auch an das mittlere Schweden.

Frage: Leben Sie lieber auf dem Land oder in der Stadt?

Ich lebe lieber auf dem Land, das viele Grün, die Ruhe usw. Aber nun leben wir seit 12 Jahren in der Mitte von Stockholm, und ich bin daran gewöhnt. Im Winter bin ich lieber in der Stadt, vor allem in einer so schönen Stadt wie Stockholm.

Frage: Was brauchen Sie, um arbeiten zu können?

Um die ersten Skizzen zu machen, brauche ich nicht viel. Ich kann das überall tun. Ich höre viel Radio und Hörbücher, und ich brauche nicht viel Konzentration. Später, wenn ich die Illustrationen fertig stelle, brauche ich meine Bleistifte und meine Tintenstifte und meine Farben. Nur wenn ich über den Text nachdenke oder z.B. an schwierigen Bildern arbeite, muss ich konzentriert sein. Wenn ich die Farbe und die Tinte mache, kann ich für 5 Minuten sitzen und dann gehen und was Anderes machen und dann wieder 5 Minuten arbeiten – ich brauche nicht so viel Konzentration dafür.

Frage: Brauchen Sie lange für Ihre Bilder?

Um ein normales Petterson-Bild zu malen, brauche ich nicht viel Zeit. Es dauert ein paar Stunden oder vielleicht einen Tag, um eine Seite zu illustrieren. Aber die Bilder in „Wo ist meine Schwester“ brauchten mehr Zeit – eine Woche oder anderthalb Wochen. Es ist besonderes Buch geworden und hat 2008 den renommierten August-Strindberg-Preis bekommen. Es ist mein Lieblingsbuch und ich bin besonders stolz darauf.

Frage: Was ist denn das Besondere an dem Buch?

Vielleicht, dass ich mich selbst überrascht habe, weil ich nicht mit dem Text angefangen habe, sondern mit den Bildern. Das mache ich sonst nicht so. Ich fange immer mit dem Text an und gebe mir selbst den Auftrag, meine eigene Geschichte zu illustrieren.

Mit den Bildern anzufangen, ist eine andere Art des Denkens. Weil ich dann nur benutze, was ich in meinem Kopf sehe. Und ich bin nicht sehr kritisch. Ich glaube nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen allem geben und alles erklärbar sein muss. Ich in also viel freier, wenn ich nur mit den Bildern arbeite.

Frage: Wie lange haben Sie denn an dem Buch gearbeitet?

Ich sitze gerne für eine lange Zeit und versuche mein Bestes und bin vorsichtig mit den Linien und den Farben. Ich habe anderthalb Jahre daran gearbeitet. Aber ich weiß nicht mehr, was ich in der Zeit noch alles gemacht habe. Im Sommer arbeite ich immer an meinem Haus, und vielleicht habe ich auch zwischendurch ein „Mamma Muh“-Buch illustriert. Aber anderthalb Jahre lang war mein Haupt–Augenmerk auf dem Buch. Das war wirklich eine große Arbeit.

Frage: Aber es ist auch gut, sich so viel zeit für etwas lassen zu dürfen?

Ja, ich bin in vielerlei Hinsicht sehr privilegiert. Dank Petterson. Er sichert meinen Lebensunterhalt und ich kann arbeiten, woran ich möchte.

Frage: Für die historischen Bücher, die Sie mit Mats Wahl zusammen gemacht haben, mussten Sie auch so lange arbeiten. Was interessiert Sie daran?

Ich musste viele historische Fakten recherchieren und ich hatte noch keinen Computer. Ich musste in die Bibliotheken gehen und dasitzen und in Bücher schauen und meine eigenen Spezial-Themen finden und fragen usw. Eines von diesen Büchern zu machen, hat auch anderthalb Jahre gedauert. Das ergibt leider einen sehr schlechten Stundenlohn. Bis man genau verstanden hat, wie das Schiff gebaut war, braucht man eine Weile. Aber es ist auch sehr interessant, neue Sachen zu lernen und ich interessiere mich für Geschichte. Außerdem musste ich viel lernen über diese ostindischen Handelsgesellschaften im 18. Jahrhundert und auch über China zu derselben Zeit. Ich konnte richtig hineingehen in diese Arbeit und dableiben, so lange wie ich wollte.

Frage: Ist das typisch für Sie? Diese Gründlichkeit und Detailversessenheit?

Typisch? Ja, wenn ich interessiert bin, z. B. wenn ich wissen will, wie ein Schiff gebaut ist und wie man segelt und all das. Ich gehe wahrscheinlich viel mehr in die Details, als ich eigentlich müsste, aber es ist auch schwierig die Bilder zu machen. In einem historischen Buch könnte ich sagen: ’Sie schliefen unter Deck, und ich müsste nicht mehr viele Worte dazu machen. Aber wenn ich ein Bild male, muss ich wissen, wie es ausgesehen hat.

Meine Leser für diese Bücher sind 10 oder 12 Jahre alt. Und deshalb muss ich vorsichtig sein. Ich kann mich noch gut an Bilder erinnern, die ich selber in dem Alter gesehen habe. Was man in diesem Alter aufnimmt, das bleibt im Gedächtnis. Ich möchte so korrekt wie möglich sein, um ihnen nichts Falsches beizubringen.

Frage: Malen Sie auch gerne Bilder, die keine Illustrationen sind?

Im Sommer sitze ich in der Natur und male in Öl, was ich normalerweise nicht tue. Und manchmal probiere ich etwas aus, experimentiere mit Acrylfarben oder anderen Dingen, weil ich das sonst nicht tue.

Frage: wenn Sie kein Maler geworden wäre, was hätten Sie dann gemacht?

Ich hätte auch Tischler werden können. Ich liebe es, mit Holz zu arbeiten. Ich habe Jahre damit verbracht. Ich mache das genauso gerne wie Bilder malen. In gewisser Weise ist es einfacher als zu malen, man muss nur aufpassen, dass alles zusammen hält und gut aussieht. Aber wenn ich Kunst mache, weiß ich vorher nie wie es aussehen soll, es könnte alles sein.

Frage: Zurück zu Petterson und Findus. Da gibt es diese kleinen Wesen…

…die Muckler…das Wort habe ich erfunden. Die Wesen auch.

Frage: Was hat es auf sich mit den ‚Mucklern’?

Ich weiß nicht mehr über sie, als das, was man auf den Bildern sehen kann. Es sind Geschöpfe, die in meinen Büchern existieren. Das ist alles. Allerdings: Wenn man auf dem Land in einem alten Holzhaus lebt, kann man hören, wie die Mäuse über den Fußboden huschen und man sieht sie wie einen Schatten im Dunklen an der Decke. Also da ist was. Und wenn ich dann in meiner Werkstatt arbeite und manche Dinge verschwinden, so wie es oft mit meinen Bleistift oder etwas anderen ist – dann ist es einfach, sich vorzustellen, dass die Sachen jemand gestohlen hat. Die Muckler stehlen oft Sachen.

Frage: In Ihren Büchern sind große Dinge sind manchmal klein und umgekehrt. Warum?

Das Wichtigste ist zuerst immer das Bild, das, was darin passieren soll. Dann fülle ich es auf mit Sachen, die mir einfallen. Es ist doch auch langweilig, Dinge genauso zu malen, wie sie sind. Es macht mir Spaß, Sachen zu verdrehen und auf lustige und manchmal blödsinnige Weise zu verändern.

Frage: Würden Sie andere Bücher machen, wenn Sie in der Stadt leben würden?

Nein, ich arbeite mit dem, was ich im Kopf habe und da ist Sommer und Landleben.

Frage: Wie wichtig ist Ihnen Freundschaft?

Ich habe nicht so viele Freunde, es sind hauptsächlich alte Freunde, die ich seit meiner Jugendzeit kenne. Ich sehe sie höchstens zwei Mal im Jahr, das ist genug. Es ist ein spezielles Gefühl, diese alten Freunde zu treffen, ein bisschen wie nach Hause kommen. Meine Frau hat Freunde und liebt Partys, ich bin lieber allein. Also machen wir einen Kompromiss, ich begleite sie zu ihren Freuden und gehe auf ihre Partys.

Frage: Wie lange sind Sie schon verheiratet?

…oh…seit 35 oder mehr Jahren oder mehr….

Frage: Wie wichtig ist Ihnen Familie?

Wahrscheinlich sehr. Ich habe darüber nachgedacht. Ich bin so gerne für mich allein. Aber es ist ein Unterschied zwischen allein sein und für sich sein. Und ich war tatsächlich niemals allein. Ich hatte immer jemanden. Als meine Kinder geboren wurden, hat für mich ein ganz neues Leben begonnen, was ich sehr mochte. Ich liebe es, ein Familienvater zu sein.

Und wenn ich zurückschaue auf die Zeit, als die Kinder so 15 Jahre alt waren, werde ich ein bisschen nostalgisch. Auf eine Art vermisse ich diese Zeit.

Frage: Mögen Sie Kinder?

Ja sehr. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Kinder meine Bücher mögen. Wenn ich ein Kinderbuch mache, spreche ich zwar nicht mit ihnen, aber ich fühle sie die ganze Zeit um mich herum.

Frage: Sind Sie ein glücklicher Mann, weil Sie so großen Erfolg mit Ihren Kinderbüchern haben?

Oh ja. Ich habe sein sehr gutes Leben in allen möglichen Bereichen. Wir leben in einer schönen Wohnung in einer schönen Stadt, und ich bin frei zu tun, was ich möchte. Ich genieße jeden Tag, weil ich manchmal das Gefühl habe, ich muss vielleicht irgendwann dafür, in nicht zu ferner Zukunft, bezahlen.

Frage: Ist es für Sie in Ordnung, dass Sie so berühmt geworden sind mit Kinderbüchern oder haben Sie manchmal auch davon geträumt, als ernsthafter Maler erfolgreich zu sein?

Ich bekomme so viel Rückmeldung von Kindern, darüber, wie sehr sie meine Bücher mögen. Ich weiß nicht, warum es besser sein sollte, ein großer Künstler zu sein. Ich habe viel darüber nachgedacht, aber nun, am Ende denke ich, es ist gut, ein guter Schreiber und Illustrator zu sein.

Frage: Wird es ein neues Petterson-Buch geben?

Darüber denke ich nicht nach. Vielleicht irgendwann. Aber nur, wenn ich eine sehr gute Idee habe.

Interview: Regine Buckmann

Sven Nordqvist: Eine Bilderreise, Friedrich Oetinger Verlag, Hamburg Januar 2016, € 19,99, für alle Altersstufen

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