„25 Jahre Regenbogenfisch“ – Interview mit Marcus Pfister


cov_RBF_1_HC_NSV_NSB_ReDe_Jub_BS_korr_fuer 3D-Ansicht.inddKennt ihr den „Regenbogenfisch“? Bestimmt. Denn die Bücher wurden auf der ganzen Welt 30 Millionen Mal verkauft und z.B. in Sprachen wie Italienisch, Französisch und Japanisch übersetzt. Der Regenbogenfisch ist kein gewöhnlicher Fisch, sondern der schönste im ganzen Ozean. Weil die Figur des Regenbogenfisches so beliebt ist, gibt es auch Kuscheltiere, Freundschaftsbücher und viele andere Dinge mit dem Motiv. In diesem Jahr wird der Regenbogenfisch 25 Jahre alt. Den KinderBuchExperten erzählt Autor Marcus Pfister, wie das Buch entstand.

Zitat Regenbogenfisch

„Weit draußen im Meer lebte ein Fisch. Doch kein gewöhnlicher Fisch, nein. Er war der allerschönste Fisch im ganzen Ozean. Sein Schuppenkleid schillerte in allen Regenbogenfarben.“

Die Geschichte des Regenbogenfisches handelt von Eitelkeit, Freundschaft und der Bereitschaft, zu teilen. Diese Botschaft hat sich seit der Geburtsstunde im Jahr 1992 millionenfach um die ganze Welt verbreitet. Sogar Michelle Obama hat zu Ostern 2016 im Weißen Haus Kindern aus dem Buch vorgelesen. Das erste Bilderbuch des Grafikers Marcus Pfister beim Nord-Süd-Verlag, „Die müde Eule“, hatte der Verlegerin so gut gefallen, dass sie sich ein weiteres, ähnliches Buch von ihm wünschte. Aber Marcus Pfister fehlte lange die zündende Idee.

„Und da lag die müde Eule einmal so quer vor mir auf dem Pult. Wenn man diese Eule so genau betrachtet, dann sieht man, dass ihre Federn ein bisschen aussehen wie Schuppen von einem Fisch. Und obwohl der Fisch eigentlich keine typische Bilderbuchfigur ist –  er ist ja ein bisschen glubberig und hat nicht so viel Ausdruck – hat es mich gereizt, es mit einem Fisch zu versuchen.“

Regenbogenfisch-Eule

Um die Geschichte zu illustrieren, suchte Marcus Pfister nach etwas Besonderen und erfand die Glitzerschuppe.  Die Heißfolien-Prägetechnik kannte er aus der Werbung. Zum ersten Mal wurde die schimmernde Silberfolie durchgängig in einem Kinderbuch eingesetzt. Dadurch verdoppeln sich die Produktionskosten. Der Verlag ging ein finanzielles Risiko ein.

 „Die Glitzerfolie war nicht nur eine Verschönerung des Buches, sondern sie war unbedingt notwendig für die Geschichte. Nur so funktioniert sie. Ich wollte ja zeigen: Der Regenbogenfisch gibt etwas, was ihm wirklich wichtig ist. Er gibt nicht irgendeine Schuppe, sondern ganz Spezielle und das fällt ihm schwer.“

Bildschirmschoner-Der-Regenbogenfisch-Marcus-Pfister

Zitat Regenbogenfisch

„Ein kleiner blauer Fisch schwamm hinter ihm her. – Regenbogenfisch, Regenbogenfisch, warte auf mich, gib mir doch eine deiner Glitzerschuppen. Sie sind wunderschön. Und du hat so viele.“

Die Unterwasserwelt gestaltet der Zeichner in Nass in Nasstechnik mit Aquarellfarben. Die Hintergründe hält er einfach, um das Auge nicht von der Hauptsache, der Geschichte, abzulenken. Seine Hauptfigur muss immer unter Wasser bleiben  – das ist natürlich eine gewisse Einschränkung.

„Jedes Buch ist als Einzelbuch konzipiert. Erst nach drei Jahren sind wir darauf gekommen: Jetzt haben wir einen Charakter!“

Marcus Pfister hat vier Kinder und lebt mit seiner Familie in Bern. Seine Kinder waren anfangs im Grundschulalter und brachten ihre kleinen Probleme mit nach Hause.

„Das fing beim Teilen an oder eben Nicht-Teilen-Können. Oder es kommt ein Kind, dass nicht unbedingt in die Klasse passt. Wie kann es Teil der Gruppe werden? Ich habe zuhause meine Kinder beobachtet, wie sie zusammenspielen oder auch nicht. All die Ideen für die Bücher kamen eigentlich aus dem familiären Umfeld.“

Zitat Regenbogenfisch

 „’Dir soll ich eine meiner Schuppen schenken? Wo denkst du hin!, rief der Regenbogenfisch. ‚Mach, dass du fortkommst.‘ – Erschrocken schwamm der kleine blaue Fisch davon. Aufgeregt erzählte er seinen Freunden vom Erlebnis mit dem Regenbogenfisch. Von da an wollte keiner mehr etwas mit ihm zu tun haben. Sie kehrten sich ab, wenn er vorbeischwamm.“

In den Geschichten vom Regenbogenfisch kann man immer etwas lernen. Manche LeserInnen hat das auch gestört.

„Was ist was gut und was ist falsch? Manche Leute denken: Ich brauch niemanden, der mir das erklärt.“

Aber für die meisten ist der Regenbogenfisch eine Figur, der sie gerne folgen.

„Für mich war es immer wichtig, dass der Regenbogenfisch nicht der große Held ist, der einfach alles richtigmacht. Meistens ist er eigentlich unsicher oder macht zuerst was falsch. Und dann versucht er sich zu ändern. Kinder können sich mit ihm identifizieren, aber auch Erwachsene sagen: Oh, das kommt mir bekannt vor. Wir machen alle Fehler und nur können dann versuchen, etwas daraus zu lernen. Oder auch Mal zu dem Fehler zu stehen und lernen, seine Meinung zu sagen.“

Tiergeschichten sind universell. Eine Geschichte mit Kindern in Deutschland oder der Schweiz wäre in Japan z.B. nicht so gut zu verstehen. Aber:

 „Die Landschaften unter Wasser kennen keine geographischen Grenzen.“

In anderen Sprachen verändern sich manchmal die Namen oder das Geschlecht der Figuren.

„Auf Französisch hieß er ’arc-en-ciel — le plus beau poisson des oceans.’, also Regenbogen, der schönste Fisch des Ozeans,  ebenso auf Italienisch: ‚Arcobelleno’. Auf Japanisch? Keine Ahnung, ich werde mich erkundigen, wenn ich dieses Jahr in Tokio bin.“

Im Jubiläumsjahr fährt der Erfinder des Regenbogenfisches nach Japan, China und die USA. Die Workshops mit Kindern funktionieren in allen Ländern gleich gut.

„Bevor all diese schulischen, religiösen und gesellschaftlichen Dinge dazu kommen, denken und fühlen die Kinder genau gleich. Wenn ich ihre Fantasie animiere, dann funktioniert das in Japan genauso wie in Deutschland. Es ist schön zu sehen, dass so ein Buch in Palästina und in Israel gelesen wird, in China und in Amerika und so alle Gegensätze überwindet.“

In Japan sah die Leserschaft den Regenbogenfisch als typische Jungenfigur und wünschte sich eine weibliche Gegenfigur. Also kreierte Pfister den Rotflossenfisch.

Bildschirmschoner2-Der-Regenbogenfisch-lernt-verlieren-Marcus-Pfister

„Interessant finde ich, dass der Rotflossenfisch als genauso schön wahrgenommen wird wie der Regenbogenfisch, obwohl er keine Glitzerschuppen hat.“

Pfisters zweiter Sohn war viele Jahre lang begeisterter Aquarium-Techniker.

 „Er hatte viele Fische, z.B. Kampffische mit diesen wunderschönen langen Flossen oder Schleierfische – dort hab ich mich ein bisschen inspirieren lassen. Im Meer findet man eine unglaubliche Vielfalt – da kann man aus dem Vollen schöpfen.“

Inspiration findet der Schweizer Grafiker heute überall, es müssen nicht mehr unbedingt  die eigenen Kinder sein. Für den aktuellen achten Band, „Der Regenbogenfisch lernt verlieren“, hat er Erwachsene bei Gesellschaftsspielen beobachtet und festgestellt: Auch Erwachsene können oft nicht gut verlieren.

 „Beim Spielen ist so ein bisschen wie beim Sport oder beim Autofahren: Da kommt der Charakter eines Menschen richtig heraus. Manche haben ein Problem mit dem Verlieren auch noch mit 40, 50 oder 60 Jahren. Und warum verliert man nicht gerne? Das ist ja nicht ganz einfach. Je früher man lernt, damit umzugehen, desto einfacher ist es dann später.“

Regenbogenfisch lernt verlierenZitat Der Regenbogenfisch lernt verlieren

„’Regenbogenfisch, ich hab dich gesehen, dort hinter dem Algenbusch’, rief der kleine Blaue. ‚Komm, zeig dich doch, Regenbogenfisch, ich habe dich gefunden!’ – ‚Das stimmt nicht, du kannst mich gar nicht gesehen haben. Überhaupt hast du viel zu kurz gezählt. Das gilt nicht.’“

Marcus Pfister hat sich die Freiheit genommen, nur alle drei oder fünf Jahre ein neues Regenbogenfisch-Buch herauszubringen, um nicht unter dem Druck der Serie zu stehen.

Der Erfolg des Regenbogenfischers war ein Türöffner für ihn.

„Dank diesem Erfolg konnte ich überhaupt andere, komplizierte Sachen überhaupt auf den Markt bringen. Letzthin hat mich jemand gefragt, wie ich eigentlich den Regenbogenfisch gefunden hätte, wenn ich das Buch als Kind gelesen hätte? Ich habe gedacht: Na, mir wäre er vielleicht ein bisschen zu brav gewesen.“

Interview: Regine Bruckmann

Marcus PfisterMarcus Pfister wurde 1960 in Bern geboren. Nach der Kunstgewerbeschule in Bern und
einer anschließenden Grafiker-Ausbildung arbeitet er von 1981 bis 1983 in einer Werbeagentur. 1984 machte er sich selbstständig. »Die müde Eule« war Marcus Pfisters erstes Bilderbuch bei NordSüd und erschien 1986. Der Durchbruch als Bilderbuchautor gelang ihm 1992 mit »Der Regenbogenfisch«. Die Bücher von Marcus Pfister wurden international mehrfach ausgezeichnet und in rund 50 Sprachen übersetzt.

 

Marcus Pfister, Band 1: Der Regenbogenfisch, Jubiläumsausgabe, Hardcover mit Halbleinen und Stickerbogen, Nord-Süd Verlag, Zürich 2017, € 20,00, ab 4 Jahren

Marcus Pfister, Band 8: Der Regenbogenfisch lernt verlieren, Nord-Süd Verlag, Zürich 2017, € 16,00, ab 4 Jahren

 

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