„Kirschendiebe“ von Anke Bär


U_5997_1A_KIRSCHENDIEBE.IND12Wer noch nicht selbst Hühner gehalten hat, weiß wohl nicht, wie es sich anfühlt, einem Huhn den Finger in den Po zu stecken. Wenn der Finger an etwas Hartes stößt, dann wird es bald ein Ei legen und das Huhn muss besonders beaufsichtigt werden. Kindheitserfahrungen dieser Art macht die elfjährige Lotte in ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg.

Sie klettert auf Bäume, baut Hütten im Wald und stiehlt der geizigen Nachbarin ihre Kirschen. Lotte wohnt mit ihrer Familie in einem Forsthaus, der Krieg hat alles durcheinander gewirbelt. Kinder, Eltern, Großeltern, Tanten und Kusinen teilen sich wenige Zimmer, Wohnraum ist knapp. Manchmal hören ihre Erzählungen sich an wie aus einem Kinder-Paradies, und manchmal nicht. Ihr Onkel ist im Krieg gestorben, ihr Vater hat ein Alkoholproblem, und die Mädchen dürfen keine praktischen Lederhosen tragen wie die Jungs, sondern immer nur Röcke:

„Unsere Lehrerin kontrolliert sogar morgens noch vor der Schule, ob wir auch ja saubere Röcke anhaben, die Harre ordentlich gekämmt und zu Zöpfen geflochten sind und die Fingernägel sauber. Und sollte doch mal eine darunter sein, die ‚entsetzlich verkommen’ aussieht – so formuliert es Fräulein Dittmar – , dann wird sie nach wieder Hause geschickt und darf erst wiederkommen, wenn sie ein Äußeres vorweisen kann, wie es sich für junge Damen gehört. Auch für junge Damen, wie wir es sind. Oder sein sollen.“

„Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war“ beruht auf den Erinnerungen der Mutter der Autorin und Illustratorin Anke Bär. In zahlreichen zarten Schwarzweißzeichnungen werden Alltagsgegenstände dieser Zeit lebendig: Die Schildkrötpuppe Kläuschen, die kurze Lederhose, die Lotte dann doch noch geschenkt kriegt oder das Zündapp-Motorrad, auf dem die Tante angeknattert kommt.

„Tante Elli bremste so scharf, dass sich Margot kreischend an sie klammerte. ‚Komm her, steig auf!’, rief mir Tante Elli zu. Tante Elli fuhr mit mir eine Ehrenrunde durchs ganze Dorf, dann stoppte sie vor dem Dorfladen. Herr Fettig steckte seinen Kopf aus dem Fenster der Schulwohnung, um zu sehen, wer einen solchen Lärm veranstaltete. Tante Eli rief zu ihm hoch: ‚Wir sind das achte Weltwunder!’ Zu mir gewandt meinte sie: ‚Er hat sicher noch nie eine Frau auf einem Motorrad gesehen.’„

Anke Bär hat bisher vorwiegend gezeichnet und mit den „Kirschendieben“ nun ihr erstes erzählendes Kinderbuch vorgelegt. Man betritt ihr wunderschönes Buch wie ein lebendiges Museum voller Bilder und Anekdoten. „Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war“ist der Einstieg zu einem Gespräch zwischen den Generationen, ein Buch zum Erinnern, für Kinder ab 10 und für alle Eltern und Großeltern.

Anke Bär, „Kirschendiebe – oder als der Krieg vorbei war“, Gerstenberg Januar 2018, 18 Euro, ab 10-12 Jahre

Der Verlag vermittelt Lesungen mit Anke Bär. Auf der Homepage kann man ein Familienforscherheft herunterladen:

https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=244

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