„Eine Insel zwischen Himmel und Meer“ von Lauren Wolk


insel:himmel:meerDas Mädchen Crow ist auf einer Insel zwischen Himmel und Meer aufgewachsen. Als Neugeborenes, kaum ein paar Stunden alt, wird sie in einem kleinen Boot an den Strand gespült. Ein Mann namens Osh nimmt sie bei sich auf. Crow ist bei ihm glücklich, aber irgendwann möchte sie wissen, wer sie ist…

Osh’s eigene Vergangenheit liegt im Dunkeln. Er hat sein Land und seine Familie verlassen, aber über den Grund will er nicht sprechen. Auf einer kleinen Insel vor der Ostküste der USA hat er sich aus Treibgut eine Hütte gebaut. Er lebt vom Hummerfang und vom Verkauf selbst gemalter Bilder an Touristen. Crow wächst als seine Tochter auf und sie hilft ihm bei allen täglichen Arbeiten. Aber als sie älter wird, kommen die Fragen.

„Wenn wir miteinander an dem Haus arbeiteten, das wir uns gemacht hatten, musste ich immer darüber nachdenken, wer mich wohl gemacht hatte. Wer hatte mich damals angeschaut, als ich wie eine zarte, gerade aufgehende Blüte war, und beschlossen, mich den Wellen anzuvertrauen? Und warum? All diese Fragen trug ich mit mir herum wie einen Sack, der mit jedem Jahr schwerer wurde, auch wenn ich mich im Laufe der Zeit daran gewöhnt hatte. Ich wollte es einfach wissen, verstehen. Den Sack endlich ablegen können.“

Die Geschichte spielt in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Das Mädchen Crow beginnt nachzuforschen, woher sie stammen könnte. Die Spur führt auf eine Nachbarinsel, auf der einige Jahre lang Leprakranke isoliert gelebt haben.

„Vielleicht hatte ja auch mein Herz ja Recht gehabt, als es diese traurige Insel wiedererkannte. Diese müden alten Hütten. Den kleinen Friedhof hinter dem Lattenzaun. (…) Vor allem diesen halb zerrissenen, zerfaserten Brief, der an meine Brust geklebt war, wie eine Wunde. (…) Ich dachte, da könnte es einen Zusammenhang geben. Aber ich wusste nicht welchen.“

Die amerikanische Schriftstellerin Lauren Wolk hat eine Sprache, mit der sie die Leserin einwickelt wie mit einem weichen Wollfaden. Man will diesen eigentümlichen poetischen Klang immer weiter hören und sich immer tiefer in diese rauhe, einfache Welt hineinziehen lassen, die nur aus Wind und Wasser, Sand und Fischen zu bestehen scheint, und die doch von tiefen Ereignissen und Gefühlen bewegt wird. Lauren Wolk bezeichnet sich als „Meermensch“. Sie lebt selber an der Küste von Cape Cod im Osten der USA. Sie kennt die Küstenlandschaft mit ihrem Geruch nach Salz, mit dem wilden Wasser und den einsamen Inseln sehr gut. Für das Buch recherchierte sie über die Elisabeth-Inseln, auf denen tatsächlich Gruppen von Lepra-Kranken von anderen Menschen isoliert lebten.

Das Motiv der Krankheit nutzt Wolk, um eine exemplarische Außenseitergeschichte zu erzählen: Wie passiert es, dass Menschen ausgegrenzt werden und sie mit Vorurteilen zu kämpfen haben? Aber Crow genießt auch die Freiheit, Selbstständigkeit und innere Unabhängigkeit, die mit der Außenseiterposition einhergeht. Den Namen hat die Autorin ganz bewusst ausgesucht. Sie wünschte sich ein Mädchen, die so klug, mutig und unabhängig ist wie die Krähen, die ihren Garten unsicher machen. Also nannte sie ihre Heldin „Crow“. Im Interview erzählt Lauren Wolk:

„Ich glaube, mich ziehen Charaktere an, die sich auf einer schwierigen Reise befinden. Waisen müssen gezwungenermaßen in sehr frühen Alter mit großen Herausforderungen fertig werden. Sie müssen schneller erwachsen werden. Ich mag Kinder, die selbstständig denken können oder mutig sind. Das heißt nicht, dass sie keine Angst haben dürfen, aber sie müssen in der Lage sein, sich trotz solcher Ängste vorwärts zu bewegen.“

Crow ist mutig und unabhängig, aber sie braucht auch die Gemeinschaft des Dorfes, in dem sie lebt. Und sie wird angetrieben von dem tiefen Wunsch, zu verstehen, wer sie ist und wo sie herkommt. Irgendwann weiß sie und spürt es auch, dass die guten Wünsche und die tiefe Liebe ihrer Mutter sie von Geburt an begleiten und beschützen.

Lauren Wolk lässt sich Zeit mit ihrer Geschichte und entwickelt ihren herzzerreißenden Plot organisch, glaubwürdig und kenntnisreich. Neben Osh, der die Vaterrolle einnimmt, gibt es auch die wunderbare Figur der Miss Maggie, die Crow auf eigenwillige und tatkräftige Weise unterstützt. Alle diese Charaktere bekommen genug Raum, um sich zu entfalten und man kommt ihnen als Leserin so nahe, dass man glaubt, sie zu kennen oder sich wünscht, mit ihnen befreundet sein. Lauren Wolk schreibt nicht gezielt für Jugendliche, sondern sie schreibt Bücher, von denen sie glaubt, dass sie geschrieben werden müssen. Bevor sie mit langen Geschichten begonnen hat, hat sie Gedichte verfasst. In ihren Romanen versucht sie, ihre poetische Sprache zu zügeln und die Figuren mit ihrer eigenen Stimme sprechen zu lassen. Ihr erster Roman ist in Leipzig für den Jugendliteraturpreis nominiert worden; „Eine Insel zwischen Himmel und Meer“ ist ihr zweiter. Ein Glücksfall für die Jugendliteratur. Regine Bruckmann

Lauren Wolk, Eine Insel zwischen Himmel und Meer, dtv Reihe Hanser 2018, ab 12, € 14,95

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