„Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer“ von A.L. Kennedy


Onkel_Stan_Cover.inddDan, der Dachs, lebt allein in seiner gemütlichen Höhle. Er isst und trinkt gern: heiße Schokolade und Salatsandwich. Doch gleich zu Beginn der Geschichte wird er entführt von zwei schrecklichen Schwestern, die den friedlichen, kleinen Dachs gegen gefährliche Kampfhunde in den Ring schicken und anschließend zu Dachspastete verarbeiten wollen. Das sind sehr sehr ungemütlich Aussichten…

Die ersten Sätze des Buches geben den Ton vor und der ist sehr skurril, sehr humorvoll, sehr britisch – keine Angst vor Extremen, in vollem Bewusstsein der schönen und schwierigen Seiten des Lebens.

 „Dan, der Dachs, erlebte einen sehr schlimmen Abend, wenn nicht den schlimmsten seines ganzen Lebens. Er steckte in einem Sack. Es war ein furchtbar kratziger und widerlicher Sack, und er roch, als hätte jemand anderes, nämlich auch ein Dachs, vor ein paar Tagen darin geweint und sich danach vielleicht auch übergeben.“

Auch noch zu retten wären vier Lamas, die unter einem Vorwand aus dem sonnigen Peru in das Schlecht-Wetter-Gebiet Schottland gelockt wurden.  Bert, Carlos, Jennifer und Ginalollobrigida dachten, sie hätten bei einem Preisausschreiben um das beste Lama-Socken-Gedicht einen Urlaub im ‚sonnigen Schottland’ auf einer wunderschönen Lamafarm gewonnen. In Wirklichkeit sind sie bei der gierigen und betrügerischen Mc-Gloone-Sippe gelandet. Farmer McGloone hat als erstes ihre dicke, weiche Lammwolle abgeschoren, so dass sie jetzt erst recht frieren. Und seine Schwestern Martha und Esther sind die beiden, die Dan den Dachs entführt haben.

Aber es gibt ja auch noch Onkel Stan. Er ist groß und dünn und trägt keine Socken, weil er die Hälfte seines letzten Paares einem jungen Eichhörnchen geschenkt hat, das Campingurlaub spielen wollte und den Socken als Schlafsack brauchte. Und obwohl er so ein guter, kluger und lustiger Mensch ist, wohnt er allein in einem Wohnwagen und seine einzige Gesellschaft ist das Pferd Paul. Paul ist leider nur zu Besuch und versteht keine Witze, weshalb Onkel Stan sich manchmal ein bisschen einsam und unverstanden fühlt. Aber zuerst erscheint es am wichtigsten, den Dachs und die deprimierten Lamas zu retten. Onkel Stan hat zwar gar keinen Plan, aber dafür viel Elan:

„’Da muss aber wirklich eine Menge unternommen werden…. Und vielleicht ist gar nicht so viel Zeit, das alles zu unternehmen…’ Dann grinste er das breitest Grinsen, dass er je gegerinst hatte. ‚Also fange ich gleich an.‘ Auf seinen langen, langen Beinen lief er zurück zu Paul, dem Pferd. ‚Ich werde mein Bestes geben und sogar noch ein bisschen mehr, das wird ein richtiges Abenteuer!‘ Er rannte schneller als je zuvor und war gleichzeitig aufgeregt und ängstlich und mutig und groß und glücklich. ‚Ich hoffe, es nimmt für Alle ein gutes Ende und nichts Schlimmes passiert …’„

Die Schottin A.L. Kennedy ist eine der wichtigsten zeitgenössischen englischen Autorinnen. In Ihren Büchern liegt das Komische oft nah neben dem Ernsten. Sie beschreibt Einzelgänger oder einsame Seelen, die irgendwie zueinander finden. Und diese Motive findet man auch in ihrem ersten Kinderbuch wieder: „Onkel Stan und Dan“. Die Geschichten hat sich A.L. Kennedy als Gute-Nacht-Geschichten für ihre Patenkinder, die Söhne von Schauspielerin Tilda Swinton, ausgedacht. Die Autorin überzeichnet hier lustvoll eine Welt, die ganz klar in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist. Es gibt gewinnsüchtige Menschen, gemeine Kinder und blutrünstige Hunde auf der einen Seite, ängstliche Dachse, depressive Lamas und planlose Retter auf der anderen Seite, die ihnen mit Mut und Fantasie entgegentreten. Nebenbei ist der Autorin übrigens ein absurd-ironisches Porträt ihrer Heimat Schottland gelungen: schlechtes Wetter, kratzige Pullover, Hunderennen, eklige Pasteten…

Die Illustrationen von Gemma Correll spielen eine wichtige Rolle. Comicartige, naive Schwarzweiß-Zeichnungen, die das ganze Spektrum von niedlich bis eklig abdecken, kommentieren und illustrieren das Geschehen.  Die Charaktere stehen beim Lesen grausam klar vor Augen: die bösen Schwestern mit hässlichen Strickmützen auf dem Kopf, Onkel Stan in durchlöcherten Hosen, Dan, der Dachs mit sehr kurzen Beinen oder Hunde mit sehr scharfen Zähnen namens Reisser, Beisser und Knacker.

„Onkel Stan und Dan“ ist jetzt schon Kult. Das zweite Abenteuer erscheint Ende Februar 2019. Regine Bruckmann

A.L. Kennedy: „Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer“, Verlag Orell Füssli 2018, 14,95 €, ab 9 Jahren

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