Deutscher Jugendliteraturpreis 2017


U_5874_1A_SALLY_JONES_MORD_OHNE_LEICHE.IND11Am 13.Oktober wurde auf der Frankfurter Buchmesse erneut der wichtigste Preis der Kinder- und Jugendbuchszene vergeben. Er wird jedes Jahr mit Spannung erwartet, ist er doch eine große Anerkennung für die Leistung der ausgezeichneten Verlage. Und verkaufen tun sich die Bücher anschließend auch besser…

Hier sind die Preisträger!

HIer_kommt_keiner_durchBilderbuch

Isabel Minhós Martins (Text)
Bernardo P. Carvalho (Illustration)
Hier kommt keiner durch!
Aus dem Portugiesischen von Franziska Hauffe
Klett Kinderbuch Verlag, € 13,95 (D)
Ab 4

Jurybegründung
„Hier kommt keiner durch!“ – Das Medium Buch wird Teil der Geschichte, die Mitte der Doppelseite zur unsichtbaren Grenze, die nicht überschritten werden darf. Ein Aufpasser hindert die immer bunter werdende Menge, von der linken auf die rechte Buchseite zu wechseln, die blütenweiß und leer bleibt. Den Grund für seine Aufgabe hinterfragt er nicht, er führt sie gewissenhaft aus, auch als er von den Menschen mit immer drängenderen Fragen nach dem Sinn des Ganzen konfrontiert wird. Schließlich löst sich ein Ball aus der Menge, hopst nach rechts, und da gibt es kein Halten mehr: Die ganze Schar stürmt hinterher.
Die konzeptionelle Idee dieses stringent strukturierten Bilderbuchs ist mit einfachen bildnerischen Mitteln umgesetzt. Die Filzstiftzeichnungen geben ihm eine aus dem Rahmen fallende Ästhetik. Text gibt es in diesem Buch kaum; das wenige, das gesprochen wird, steht in farbigen Sprechblasen. Dafür verstecken sich in dem Gewimmel umso mehr Erzählanlässe. Denn das, was auf den ersten Blick ungeordnet wirkt, folgt einer eigenen Logik. Jede der 62 Figuren erhält einen eigenen Charakter und erzählt eine eigene Geschichte. Das Thema des Buches, der Umgang mit Autoritäten, ist universell und umfasst das Verhalten auf dem Schulhof ebenso wie politische Dimensionen. Diese Zusammenhänge greift das Buch auf witzige und ungewöhnliche Weise auf.

U_5874_1A_SALLY_JONES_MORD_OHNE_LEICHE.IND11Kinderbuch

Jakob Wegelius (Text, Illustration)
Sally Jones. Mord ohne Leiche
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Gerstenberg Verlag, € 19,95
Ab 9

Jurybegründung
Sally Jones vereint die Lieblingsgenres von Kindern zu einem überzeugenden Kunstwerk: In einer Mischung aus Abenteuerroman, Krimi und Tiergeschichte schickt Wegelius seine Heldin, die maschinenbegeisterte Gorilladame Sally Jones, von Lissabon bis nach Indien. Sie will dabei die Unschuld ihres Chiefs Henry Koskela beweisen, der zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Erzählt wird aus der Perspektive Sallys, die eine eigenständige Sicht auf die Welt entwickelt – eine, die der von Kindern ähnlich ist und dadurch zur Identifikation einlädt.
Der Roman spielt Anfang des 20. Jahrhunderts und entwirft ein grandioses Panorama abenteuerlicher Orte, interessanter Figuren und spannender Handlungen. Durch die ebenfalls von Wegelius angefertigten ganzseitigen Zeichnungen der Protagonisten auf den ersten Seiten des Textes und die Darstellung der Reiseroute und zentraler Orte auf dem Vorsatzpapier gewinnt der Leser einen visuellen Eindruck von den unterschiedlichen Erzählelementen des Romans. Das ist Abenteuerliteratur in der Tradition von Jules Verne und Alexandre Dumas, die nicht nur zahlreiche Spannungsepisoden aufweist, sondern auch einen eigenständigen Weltentwurf liefert, der bei der Darstellung fremder Kulturen nicht in Klischees abdriftet. So vermittelt der Text auf unterhaltsame Weise Wissen über Geschichte und Kultur Portugals und Indiens. Hierzu trägt die gelungene Übersetzung von Gabriele Haefs wesentlich bei.

Der_Geruch_von _HäusernJugendbuch

Bonnie-Sue Hitchcock (Text)
Der Geruch von Häusern anderer Leute
Aus dem Englischen von Sonja Finck
Königskinder Verlag, € 17,99
Ab 15

Jurybegründung
Die Autorin führt ins Alaska der 1960er- und 1970er-Jahre, in eine Zeit, in der sich das Land durch die Ernennung zum 49. Bundesstaat der USA in einer politischen, sozialen und kulturellen Umbruchsituation befindet. Emotionale Veränderungen erleben auch die vier jugendlichen Protagonisten, aus deren Perspektive abwechselnd erzählt wird. Sie müssen ihren Platz innerhalb einer Gesellschaft zwischen Traditionsbewusstsein und Aufbruchsstimmung finden.
Hitchcock schreibt in ihrem biografisch inspirierten Debüt über einen Kulturkreis, der in der Jugendliteratur bislang kaum behandelt wurde. Die fein gesponnenen Erzählstränge ziehen sich durch die karge Kälte Alaskas, durchqueren die Häuser der Bewohner der Region und werden kunstvoll zusammengeführt. Die Qualität dieses außergewöhnlichen und von Sonja Finck hervorragend übersetzten Romans besteht darin, die Atmosphäre, den Duft und das Lokalkolorit Alaskas in einen sprachlichen Ton zu überführen, der sofort fesselt. Die Autorin überzeugt mit der sensiblen Zeichnung ihrer jungen Protagonisten, deren Innenleben in den Landschaftsschilderungen einen symbolischen Ausdruck findet. Es gelingt Hitchcock, aus den Erfahrungen, Nöten und Träumen einer Generation ein Gesellschaftsbild von poetischer Kraft und zeitloser Aktualität zu zeichnen. Der sprachmächtige Jugendroman verbindet die Schilderung eines entfernten Kulturraums mit universellen Fragen des Erwachsenwerdens.

U_5915_1A_BIENEN.IND75Sachbuch

Piotr Socha (Text, Illustration)
Bienen
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Gerstenberg Verlag, € 24,95
Ab 6

Jurybegründung
Mit diesem Sachbilderbuch setzt der polnische Cartoonist Piotr Socha, selbst Sohn eines Imkers, diesen kleinen, aber überaus nützlichen Insekten ein literarisches Denkmal. Außergewöhnlich ist nicht nur das große Format, sondern auch die Vielfalt der behandelten Themen und die humorvolle Gestaltung der 32 doppelseitigen Bildtafeln, die am unteren Bildrand kurze Texte enthalten.

Zusätzlich zu den Informationen über zoologische Themen wie Körperbau, Fortpflanzung, Verhalten und Bestäubung bietet das Bilderbuch einen Einblick in die Kulturgeschichte der Bienen und der Imkerei.
Wer weiß schon, dass bereits die alten Ägypter Bienen verehrt haben? Oder dass Napoleon die Krönungsmäntel für sich und seine Frau mit goldenen Bienen besticken ließ? Welche Folgen das massive Bienensterben für den Menschen haben kann und worin seine möglichen Ursachen liegen, bleibt nicht ausgespart.
Zwei als „Bienenblättchen“ bezeichnete fiktive Zeitungsseiten sind eine Fundgrube für kuriose Informationen. Der Band ist komplett durchkomponiert – vom Vorsatz im stilisierten Bienenmuster über die teils karikierend vereinfachenden, teils anatomisch korrekt ausgeführten Illustrationen bis zum poetischen Text, dessen satirischer Unterton auch in der Übersetzung von Thomas Weiler erhalten bleibt. Bienen ist eine überaus vergnügliche Enzyklopädie für die ganze Familie, die ein interessantes Thema wissenschaftlich, kulturgeschichtlich und künstlerisch aufgreift.

Preis der Jugendjury

Nur_drei_WorteBecky Albertalli (Text)
Nur drei Worte
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Carlsen Verlag, € 16,99

Ab 14

Jurybegründung
Warum ist „normal“ eigentlich weiß, hetero, christlich? Das fragen sich Simon und seine Internetbekanntschaft Blue. Simon ist homosexuell. Das ist gesetzt. Wie mag sein Umfeld mit einem Outing umgehen? Und was ist mit der Welt überhaupt los, in der man sich outen muss, nur weil man homosexuell ist? Simon erzählt nachdenklich und schneidet viele Themen wie Sexualität, Herkunft, Identität, Religion und Freundschaft an. Die E-Mails zwischen ihm und Blue greifen diese auf und setzen sich doch ganz anders damit auseinander. Anonymität, dann Freundschaft und Liebe ermöglichen einen unverstellten, in jedem Fall humorreichen Schlagabtausch. Problembuch? Nein, aber auch. Liebesgeschichte? Ja, aber nicht nur. Je nach Interesse ist ein Lesen auf verschiedenen Ebenen möglich. Das Buch macht Spaß, vor allem durch die Referenzen zur Jugendkultur, wie die Liebe zu Harry Potter, die Nutzung von Tumblr und die Serien-Fandoms.
Die Autorin schafft es, mit psychologischem Feingefühl und Witz Identitätsfindung zu schildern und Normalität zu hinterfragen.
In (zweimal) nur drei Worten: Was ist normal? Alles und nichts!

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