Deutscher Jugendliteraturpreis 2014 – Interview mit Kinderbuchhändlerin Wiebke Schleser


DJLPIm Oktober war es wieder so weit: Auf der Frankfurter Buchmesse wurde der mit Spannung erwartete Deutsche Jugendliteraturpreis in verschiedenen Sparten vergeben. Die Ergebnisse kommen unterschiedlich gut an: Für die Einen ist der DJLP ein Garant für literarische Qualität im Bereich des Kinder- und Jugendbuches, für andere geht er manchmal an den Lesebedürfnissen seiner Zielgruppe vorbei. KinderBuchExperten fragte Wiebke Schleser, die Inhaberin der ebenfalls mit Preisen dotierten Berliner Kinderbuchhandlung Buchsegler, nach Ihrer Einschätzung: Haben die richtigen Titel den Preis bekommen?

Welches waren Ihre Favoriten bei den nominierten Titeln?

literarisches_kaleidoskopIch hatte alle Nominierungstitel schon vor der Nominierung gelesen. Einer meiner Favoriten war z.B. „Das literarische Kaleidoskop“ von Regine Kehn, leider hat dieses Buch den Preis nicht gewonnen. Das Besondere an diesem Buch für mich ist die Umsetzung der Sprache in Bild. Strophe für Strophe, Satz für Satz werden zu Bildern, Metaphern – die Vielfalt an Stilen und Materialien, die zu den Gedichte und Texten so selbstverständlich ausgewählt verwendet werden, beeindrucken und ziehen in mich in ihren Bann. Die schwermütigen Bleistiftzeichnungen, die zarten Aquarelle, der ausdrucksstarke Pinselstrich oder das Detailverliebte ­– ein Kaleidoskop an Schönheit. Ich mag diese melancholische Stimmung des Buches, ich mag den Bezug zum Meer – sowohl im Text als auch im Bild.

„Akim rennt“ hat den diesjährigen Preis in der Sparte Bilderbuch bekommen und auch akim_renntdieses Buch beeindruckt mich tief, weil es aus der Sicht des Kindes über Krieg, Zerstörung, Flucht und Hoffnung inmitten des Grauens erzählt. In kurzen und sachlichen Sätzen wird das Geschehen erzählt, darauf folgen zahlreiche Seiten, auf denen die Illustrationen oft weit über das zuvor Erzählte hinausgehen und Akims Erleben erst deutlich und spürbar wird. Es gibt kaum Farbe in den Bildern – rötlich-braune Aquarellfarbe mit Bleistift-und Kohlezeichnungen – mal unvollständig und hart, dann nur angedeutete Umrisslinien, die für Chaos und Zerstörung stehen, aber auch weiche und runde Formen, verwischte Konturen. Die Gesichtszüge der Erwachsenen sind ausdruckslos oder völlig verschwommen, die von Akim, der Mutter mit dem Säugling und den anderen Kindern sind präzise gezeichnet ­– verletzlich! Es ist ein sensibles, hoch emotional geladenes und zugleich verstörendes Abbild des Krieges aus der Perspektive eines Flüchtlingskindes. (Mir) tut es gut, das Akim am Ende seiner Mutter in die Arme laufen kann.

Auch andere Titel (vollständige Liste der Titel unten, die Red.) haben mich berührt, angestoßen, mir Freude beim Lesen bereitet, mich dazu verleitet, zu hinterfragen. Dinge, die mir bei einem Buch wichtig sind.

Welches sind ganz allgemein Ihre Kriterien für ein gutes Kinderbuch?

Die Stiftung Lesen hat Kriterien für ein gutes Kinderbuch ziemlich treffend aufgelistet (Liste mit Kriterien unten, die Red.), denen kann ich mich nur anschließen. Was mir persönlich zusätzlich wichtig ist: Gute Kinderbücher sollen Freude bereiten und Spaß beim Lesen, zum Hinterfragen anregen. Man kann immer wieder mal über sie stolpern und in die Hand nehmen. Neben allen vermeintlich objektiven Kriterien, ist es letztendlich immer eine sehr persönliche Geschmacksfrage. Zum Glück!

Sehen Sie sich da auf einer Linie mit den Experten der Jury, die die Bücher sichtet, nominiert und die Preise vergibt?

Vermutlich eher nicht. Ich mag Literatur für Kinder, diese darf gern anspruchsvoll sein, auf allen Ebenen: Sprache und Gestaltung, sowie Illustration und Inhalt. Doch sie sollte nicht an den Kindern vorbeigehen, über sie hinweggehen, sie belehren, sie sollte die Kinder ernst nehmen. Ich kann mit einigen Titeln mitgehen, bei anderen verstehe ich die Einteilung in die Gruppen nicht oder die Auswahl schlechthin. Oft ist mir die Auswahl zu literarisch und gewollt. Es heißt „Deutscher Kinder- und Jugendliteraturpreis“ und mir fehlen dort häufig die deutschen Autoren, obwohl diese schöne und gute Kinder oder Jugendbücher machen. Mit dem Deutschen Buchpreis (dbp) zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Warum kann dies nicht für den KLJP auch gelten? Das würde ich mir wünschen!

Wie ist das in diesem Jahr: Welche Auszeichnung finden Sie verdient, bei welchen Büchern können Sie weniger folgen?

Die Sprache des Wassers_100pxIch kann mit allen Titeln mitgehen! Meine Auswahl wäre dennoch eine andere gewesen, (siehe unten). Um Regina Kehns „Das literarische Kaleidoskop“ tut es mir arg leid, denn ich finde es einfach großartig, in allen Bereichen! Die illustratorische Umsetzung der Gedichte und Geschichten, der Bezug zueinander, die Metaphorik – sowohl Text als auch Bild können einander Metapher sein! „Wie ein unsichtbares Band“, der Preisträger im Bereich Jugendbuch, gefällt mir sehr gut, hat mich sehr berührt! Die „12 Things To Do Before You Crash and Burn“, ein anderes nominiertes Jugendbuch, hat mir auch große Freude beim Lesen bereitet. Doch „Die Sprache des Wassers“ von Sarah Crossan hat mich von allen Jugendbüchern am meisten beseelt, die Gestaltung, die sehr poetische Sprache, die verschiedenen Ebenen der Erzählung, die Geschichte an sich ­– dem Titel hätte ich den Preis gewünscht. „Gerda Gelse“, den Preisträger im Bereich Sachbuch über Gerda_Gelsedas geheimnisvolle Leben der Stechmücken, finde ich großartig! Den Titel hatten wir auch mit dem Leipziger Lesekompass 2014 im Frühjahr ausgezeichnet. Dort bin ich Jurymitglied.

In welchem Verhältnis stehen die Bücher, die ausgezeichnet werden, zu den Verkaufserfahrungen in Ihrer Buchhandlung?

Häufig werden die Titel von den Bibliotheken eingekauft, auch gern schon mal von einer Schulbibliothek. Jedoch weniger in Privathaushalte.

Wie ist die Entwicklung in den letzten Jahren: Ist die Schere der Bücher, die den Preis bekommen, und der Bücher, die gelesen werden, weiter auseinander gegangen?

In diesem Jahr empfand ich die Auswahl der Titel recht ausgewogen, über die vielen „geliebten“ Bücher hatte ich mich sehr gefreut. Ich empfand die Auswahl dieses Jahr sehr lesenswert und nah an der Zielgruppe, das war nicht immer so! Ich würde mich freuen, wenn wir mehr deutschsprachige AutorInnen in den Nominierungen sehen würden, gern auch Genre übergreifend. Zum Beispiel: „Das literarische Kaleidoskop“ von Regina Kehn, ganz sicher ein Bilderbuch, ganz sicher aber auch ein Jugendbuch – wo also zuordnen? Auch Graphic Novels gehören für mich zur Kinder und Jugendliteratur und einer Kategorie im KJLP würdig, zum Beispiel: „Kinderland“ von Mawil – außergewöhnlich gut!

Was halten Sie z.B. von der Einführung einer Jury, die aus Kindern besteht, so wie es ja auch schon eine zusätzliche Jugendjury im Bereich der Kinderbücher gibt?

Fände ich gut!

Oder einen Buchhändler-Award: Das beliebteste Buch des Jahres aus Buchhändler-Sicht?

Würde mir gefallen!

 

Die Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreis 2014:

Bilderbuch

Claude K. Dubois (Text, Illustration), Akim rennt, Moritz Verlag

Kinderbuch

Martina Wildner, Die Königin des Sprungturms, Verlag Beltz&Gelberg

Jugendbuch

Inés Garland, Wie ein unsichtbares Band, Fischer KJB

Sachbuch

Heidi Trpak , Laura Momo Aufderhaar (Illustration,) Gerda Gelse – Allgemeine Weisheiten über Stechmücken, Tyrolia-Verlag (eh. Wiener Dom-Verlag)

Preis der Jugendjury

Raquel J. Palacio, Wunder, Carl Hanser Verlag

 

Favoriten unter den diesjährigen nominierten Titeln für den Deutschen Jugendliteraturpreis von Wiebke Schleser:

Bilderbuch

Regina Kehn (Herausgeber, Illustration), Das literarische Kaleidoskop, Fischer KJB

Claude K. Dubois (Text, Illustration), Akim rennt, Moritz Verlag

Kinderbuch

Christian Oster, Katja Gehrmann (Illustration), Besuch beim Hasen, Moritz Verlag

Jugendbuch

Sarah Crossan, Die Sprache des Wassers, mixtvision Verlag

Sachbuch

Heidi Trpak, Laura Momo Aufderhaar (Illustration,) Gerda Gelse – Allgemeine Weisheiten über Stechmücken, Tyrolia-Verlag (eh. Wiener Dom-Verlag)

Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird seit 1956 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftet und jährlich verliehen. Er wird aus Mitteln des Kinder- und Jugendplanes des Bundes finanziert. Ziel des Deutschen Jugendliteraturpreises ist es, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeit zu stärken und ihnen Orientierungshilfe bei einem schier unüberschaubaren Buchmarkt zu bieten. Ausgezeichnet werden herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur.

(http://www.djlp.jugendliteratur.org/preis-2.html )

 

Leipziger Lesekompass:

http://www.stiftunglesen.de/programmbereich/kindertagesstaette/leipziger-lesekompass/

 

Kriterien der Stiftung Lesen für ein gutes Kinderbuch

Inhaltliche Aspekte:

  • Können sich die Kinder mit einer oder mehreren Figuren in der Geschichte identifizieren?
  • Wird an ihre Interessen, Erfahrungen, Probleme angeknüpft?
  • Regt der Inhalt zum Mit- und Weiterdenken an?
  • Wird die Fantasie der Kinder angeregt und Spielraum für Wünsche und Träume geboten?
  • Sind keine diskriminierenden oder verletzenden Elemente enthalten?

Bildliche Aspekte:

Kinder sind in ihrem Kunstgeschmack noch nicht festgelegt. Bebilderte Bücher tragen zur Schulung des ästhetischen Empfindens bei, daher sollten sie mit möglichst vielen unterschiedlichen Kunststilen Bekanntschaft machen. Wichtig ist die Aussagekraft der Bilder. Es müssen nicht immer leuchtende, plakative Farben sein, die Kinder ansprechen. Auch zartfarbige oder schwarz-weiße Illustrationen regen die Fantasie der Kinder an.

Wecken die Bilder Neugier, lösen sie Fragen aus? Fordern die Bilder zum genauen Hinsehen auf? Sind die Bilder ansprechend? Dies ist zum größten Teil Geschmackssache, sie sollten jedoch nicht Angst einflößend oder abstoßend sein.

  • Wird der Charakter der Figuren passend umgesetzt? Werden Gefühle und Stimmungen in der Mimik wiedergegeben? (Kinder achten mehr auf Mimik und Körpersprache!)

Sprachliche Aspekte:

  • Steht die Sprache im Einklang mit den Bildern? Wird das Angesprochene auch abgebildet, möglichst auf der gleichen Seite?
  • Ist die Sprache zeitgemäß? Ist die Sprache verständlich und kindgerecht? Dient die Sprache der Wortschatzerweiterung? Werden differenzierte Verben, Adjektive, Nomen verwendet? Wird eine lebendige Sprache geboten (Lautmalerei, Vergleiche, Metaphern, wörtliche Rede)?

 

 

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